Kuhfluchtgraben: Übersicht

Foto-Standort: Über der von Lockersedimenten verdeckten Loisach-Störung am östlichen Ortsrand bei Farchant-Mühldörfl (680m).
Blick nach Osten hinauf in den Kuhfluchtgraben in der W-Flanke des Berges Hoher Fricken (1940m). Im Steilwald befinden sich Zonen
mit Felswänden und Schrofen, die aus Plattenkalk bestehen. Nahe am Fuß der ca. 170m hohen Felswand strömt aus mehreren
Karsthöhlen Quellwasser, das in mehreren Kaskaden in den Kuhfluchtgraben stürzt. In Gratnähe ist ein Hangrutschareal sichtbar.
Im Foto nicht sichtbar: Kössener Schichten (in Gipfelnähe) und Hauptdolomit-Formation (unterhalb der Schrofen).
Ein Wanderpfad führt am nördlichen (im Foto linken) Rand des Kuhfluchtgrabens steil den Berg hinauf.
Etymologen sind der Auffassung, dass die Ortsbezeichnung Kuhflucht sich aus dem lateinischen Wort confluctum entwickelte:
hier bezeichnend den
Zusammenfluss eines Wildbaches (heute Kuhfluchtgraben genannt) mit dem Fluß Loisach.

Geotope

- Gefalteter Plattenkalk

© Foto: Dr. Hubert Engelbrecht

Geografische Position Nordwestliche Flanke des Estergebirges oberhalb der Ortschaft Farchant am Nordrand des Kuhfluchtgrabens; Aufschluß ca. 20 Schritte nördlich des Steiges zum Hohen Fricken. Höhe ü.N.N.: 1200m.

Alter des Geotops Faltung der Schichten im Oligozän-Miozän; Freilegung durch Erosion vermutlich im Quartär-Holozän.

Geologische Bildungen Plattenkalk-Formation (oberes Nor).

Kriterien wissenschaftlicher Wert, Ästhetik.

Schlagworte Kalkstein, Gebirgsbildung, Überschiebung, Faltung, Brekziierung, Erosion.

Geologische Situation Die Schichten bestehen aus grau- bis dunkelgrauen, in der Regel plattigen, gut gebankten, wenig Tonminerale und organisches Material enthaltendem Kalkstein. Die Mächtigkeit der gelegentlich feingeschichteten Lagen reicht im Bild bis in den 40cm-Bereich. Den Kalksteinbänken zwischengelagert sind dünne Mergelsteinlagen.
Lit. und weitere Info zur Plattenkalk-Formation siehe Übersicht Estergebirge.
Tektonisch ist das NNW-vergente Sattel-Mulden-System Teil des gefalteten Nordflügels des Krottenkopf-Synklinoriums. Die Wechsellagerung z. T. dünnbankiger Kalksteinschichten mit untergeordnet Mergelsteinzwischenlagen begünstigte plastische Verformung (Faltung) bei der Gebirgsbildung. Meßwerte: s0 290/03; s0 303/22; s0 134/67. b ~ 60/0 (Die mit der Faltung entwickelte Überschiebungsfläche wurde nicht gefunden). Zudem fand diskret Sprödverformung statt: die dickbankige Schicht am oberen Bildrand ist tektonisch brekziiert.


Sonstiges
Höhe des Aufschlusses ca. 3m. Blickrichtung Nord. Lage im Steilwaldgelände wenige 100m Luftlinie südöstlich der Loisachstörung. Im Kuhfluchtgraben südlich des Pfades befinden sich mehrere Karsthöhlenquellen, ein Felssturz und eine Klamm; s. u..

- Frickenhöhle

© Foto: Dr. Hubert Engelbrecht

Geografische Position Am Rand der großen Felswand im Kuhfluchtgraben auf 1251,5m ü.N.N.. Zugang über Steilschrofen nur für Geübte. Am besten mit Seilsicherung.

Alter des Geotops Tertiär-Quartär.

Geologische Bildungen Plattenkalk-Formation (oberes Nor).

Kriterien wissenschaftlicher Wert

Schlagworte Kalkstein, Endokarst, Höhlenbildung,

Geologische, speläologische und hydrologische Situation Cm- bis 4dm-dicke, flach nach S fallende Plattenkalkschichten mit s0 186/27. Kluftrichtungen: quer zum Höhleneingang: k 67/81, k 58/77; längs des Höhleneingangs: k 356/57, k 10/83. Karsthöhlen entstehen durch Kalkabtragung wegen des Gehaltes an chemisch dissoziiertem CO2 und Huminsäuren in den Sickerwässern; die Kalkabtragungsrate beträgt rezent am ca. 17 km SW gelegenen Zugspitzplatt im Mittel 2,8 µm/a. Wechselnde paläoklimatische und paläobotanische Gegebenheiten - tropisch, humid bis kaltzeitlich - und damit stark differierende Kalkabtragungsraten seit dem späten Oligozän bedingten eine komplexe Entstehungsgeschichte der Frickenhöhle.
Der von Speläologen nach mühsamster Vermessungsarbeit erstellte Höhlenplan zeigt, dass die Hauptrichtung des weitverzweigten Höhlensystems mit über 1 km Länge Richtung ENE (70°) orientiert ist und nur Teile seiner Anlage an die Richtungen des Loisach-Ammer-Störungssystems gebunden waren. Die erforschte Ganglänge der Großhöhle belief sich bis Februar 2021 auf 3222 m. Ihre tagfernsten Abschnitte sind wasserführend (Styxbach), liegen somit in Bereich des Karstwasserspiegels und sind hydraulisch mit dem System der Kuhfluchtquellhöhle (s. u.) verbunden. Im verbleibenden Teil sind Siphons, temporäre Wasserbecken, Abschnitte mit Fließgewässern, Wasserfälle sowie Tropfstellen kartiert. Das Frickenhöhlensystem wird episodisch bei sehr starken und lange dauernden Niederschlägen oder Schneeschmelzen aktiv, sobald sich in den Röhren und Gängen des darunter befindlichen Kuhfluchtquellhöhlensystems, in welches das Krottenkopfplateau entwässert, die Wassermassen aufstauen und das System der Frickenhöhle fluten. Überlaufsituationen dieser Art wurde im 20. Jhd. in den Jahren 1901, 1970, 1983 und 1999 beobachtet.
Karstwasserspiegel verlagern sich so im Laufe der Zeit in die Tiefe und gleichen sich dem Niveau des nächsten Vorfluters - hier die (Paläo)Loisach - an. Dieses Niveau ist durch eiszeitliche Erosion abgesenkt worden.
Die Frickenhöhle war Teil des älteren unterirdischen Entwässerungssystems des Krottenkopfplateaus, das vom tiefer gelegenen, jüngeren Entwässerungssystem der Kuhfluchtquellhöhle abgelöst wurde. Nach dieser Tiefenverlagerung wurden große Teile der Frickenhöhle fossil und blieben über die meiste Zeit inaktiv. Lit.: Siehe Übersicht Estergebirge.

Sonstiges Blickrichtung NNW. Am Eingang Versturzblöcke ("Sargdeckel") von der Höhlendecke. Hielt im Jahr 2021 Platz 28 bei den Top 100 der längsten Höhlen Bayerns inne.

- Kuhfluchtquellhöhlen

© Foto: Dr. Hubert Engelbrecht

Geografische Position Ca. 15 Höhenmeter oberhalb der Basis der großen Plattenkalk-Felswand im Kuhfluchtgraben auf 1150 m ü.N.N.. Erreichbar über einen auf 1145 m ü.N.N. nach E abzweigenden Seitensteig vom Wanderpfad hinauf zum Berg Hoher Fricken.

Alter des Geotops Tertiär-Quartär.

Geologische Bildungen Plattenkalk-Formation (oberes Nor).

Kriterien wissenschaftlicher Wert.

Schlagworte Kalkstein, Endokarst, Höhlenbildung, unterirdische Entwässerung

Geologische und hydrologische Situation Flach bis mittelsteil nach SE geneigte Plattenkalk-Schichten (s0 159/46 und flacher). Die Anlage der Höhle ist störungsgebunden und verläuft fast horizontal; die erforschte Ganglänge belief sich im Jahr 1997 auf ca. 105m. Hier entwässert unterirdisch ein östlich gelegenes, gut 10 km² messendes Einzugsgebiet, bestehend aus dem Krottenkopfplateau samt angrenzenden Gebieten, in Richtung Loisachtal. Das Einzugsgebiet reicht 7,5 km Richtung ENE bis zu einer übergeordneten, ca. 20° streichenden Blattverschiebung. Der Entwässerungsstrang verläuft im Kern der tektonischen Krottenkopfmulde parallel zu ihrer b-Achse.
Auch dieses rezente unterirdische Entwässerungssystem wird sich über geologische Zeiten erosiv noch weiter in die Tiefe bis zur stratigraphischen Basis der Plattenkalk Formation verlagern; dort ist die unterlagernde, wesentlich schwerer verkarstungsfähige Hauptdolomit Formation erreicht ist, die den Fortgang des erosiven Tieferlegens des Karsthöhlensystems blockieren wird. Ein weiterer Angleich dieser Karstwasseroberfläche an das Niveau des oberirdischen Vorfluters Loisach ist dann nicht mehr möglich. Es werden Schichtgrenzhöhlen entstehen. Lit.: Siehe Übersicht Estergebirge.
Die Intensität der Wasserschüttung der Karströhren entspricht den Schneeschmelzwasser- und/oder Niederschlagsmengen im östlich gelegenen Einzugsgebiet um das Krottenkopfplateau.

Sonstiges Blickrichtung ESE auf die nördliche und südliche Kuhfluchtquellhöhle.

- Felssturz

© Foto: Dr. Hubert Engelbrecht

Geografische Position Erreichbar über einen auf Höhe 1145m nach E abzweigenden Seitensteig vom Wanderpfad zum Berg Hoher Fricken.

Alter des Geotops subrezent (1973).

Geologische Bildungen Felssturz-Blockwerk, bestehend aus Plattenkalk-Formation.

Kriterien wissenschaftlicher Wert

Schlagworte Kalkstein, Massentransport

Geologische Situation Blickrichtung N über die Felssturzmassen hinauf zu den Felspartien, aus denen sich ca. 15000 m³ Gestein lösten. Weil der Fels von Brüchen - u. a. parallel zur Loisachstörung - zerrüttet ist, die Neigung der Plattenkalkschichten hangauswärts Richtung S verläuft und weil die Kalksteinschichten mit dünnen Mergelsteinlagen wechsellagern, waren in diesem Bereich Voraussetzungen für ein Felssturzereignis gegeben. Lit.: Siehe Übersicht Estergebirge.

Sonstiges Der Wanderpfad zum Hohen Fricken hinauf verläuft im Steilwald knapp oberhalb der Felswand. Der Felssturz hat einen Teil des schmalen und exponierten Jägersteiges zur Frickenhöhle weggerissen.

- Klamm

© Foto: Dr. Hubert Engelbrecht

Geografische Position Kleine Abzweigung auf 817m ü.N.N. nach zwei Wegkehren oberhalb der Brücke (P 790).

Alter des Geotops Tertiär-Quartär.

Geologische Bildungen Plattenkalk-Formation (oberes Nor).

Kriterien Ästhetik.

Schlagworte Kalkstein, Klüftung, Erosion, Geomorphologie, Talformen,

Geologische-geomorphologische Situation s0 197/17. Diese Talform bestimmt einen nur wenige zehner Meter messenden Abschnitt im übergeordneten Kuhfluchtgraben - eine Mischform aus Kerbtal und Schlucht - der sich in einer glazial übersteilten Bergflanke entwickelt hat. Die Wände der Klamm bestehen aus überwiegend dickbankigen, mehrere dm-messenden Plattenkalkschichten. Erosion - fluviatil oder subglaziär - erfolgte an steil geneigten Kluftflächen, e. g.: k 299/73. Def. Klamm: eine Talform, die von senkrechten bis überhängenden Felswänden begrenzt ist. Tiefenerosion dominiert stark gegenüber Seitenerosion / Hangabtragung. Lit.: Siehe Übersicht Estergebirge.

Sonstiges Blickrichtung NE.

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