München, 23.02.2026
Sehr geehrte Damen und sehr geehrte Herren, vielen Dank für die Zusendung vom 16.02. mit der Einladung zur GeoMinBochum 2026. Sehr erstaunt haben mich der diesmal gewählte Tagungstitel "Celebrating Planet Earth" und die dafür geschaffene Zeichnung. Ist das wirklich ernst gemeint?:
Eine an den Comic-Stil
erinnernde Kinderzeichnung repräsentiert
den in den Farben Gelb und Blau
gehaltenen Planeten. Die drei radial vom Planeten
weg und perspektivisch nach oben gerichteten gelben
Strahlen suggerieren, dass dieser Ort vor Gesundheit
strotzt. Dies unterstützt die Farbsymbolik: Das
verwendete Neutralgelb steht primär für Sonne,
Licht, Lebensfreude, Wärme und Glück; das in hellen bis
neutralen Farbtönen nuancierende Blau steht primär
für Ruhe, Vertrauen, Zuverlässigkeit,
Tiefe, Sicherheit und Stabilität (Vollmar 2017).
Hier auf dem Bild wird eine problemlose, heile Welt
dargestellt, die es zu feiern gilt. Solch ein
Titelbild nimmt aber kein Wissenschaftler ernst; sein
Inhalt und Design machen keinen wissenschaftlichen
Anspruch geltend. Feste finden in der Regel nur dann statt, wenn triftige Gründe dafür vorliegen, d. h. wichtige Ziele erfolgreich erlangt worden sind oder wenn beschlossen wurde, dass Personen/Organisationen wegen ihres Engagements geehrt werden sollen; wie z. B. ein vollendetes Lebenswerk, eine bestandene schwere Prüfung, eine neue wissenschaftliche Erkenntnis, die Abwehr einer großen Gefahr, das Überstanden haben einer schwierigne Zeit, etc.. In diesen Fällen bestehen berechtigte Gründe, der Freude in Form einer Feier oder eines Festes Ausdruck zu verleihen. Im zweiten Absatz Ihres Willkommensschreibens steht, dass man mitmachen und den fragilen "blauen Planeten" feiern soll: unsere Heimat, die - man lese und staune - sich 25.000 Lichtjahre vom Zentrum der Milchstraße entfernt befindet. Anschließend wird das Engagement der Geowissenschaftler für dieses Objekt hervorgehoben: sie befassen sich mit Maßnahmen zur Besserung problematischer planetarer Zustände hoher Dringlichkeit und Bedeutung, multiskaliert auf vielen Ebenen und in zahlreichen Disziplinen. Im vierten Absatz steht abschließend, dass die Geowissenschaftler hohe Verantwortung tragen, weil sie als Mittler zwischen Geo- und Anthroposphäre wirken: Denn in einer sich rasch wandelnden Welt wird die Lösung der schon angedeuteten problematischen planetaren Zustände immer drängender. Zusammengefasst bedeutet das, dass Geowissenschaftler sich in vielen Disziplinen mit problematischen planetaren Zuständen hoher Dringlichkeit und Bedeutung befassen und sie große Verantwortung tragen, wenn sie als Regler der Stoff-Flüsse zwischen Geo- und Antroposphäre wirken. Die problematischen planetaren Zuständen werden nicht weiter konkretisiert. Diese beeinträchtigen aber das Leben, dessen äusserst unwahrscheinliche Entstehung und Entwicklung nur möglich waren, weil eine Überlagerung günstiger, jedoch sehr seltener Gegebenheiten stattfand: es waren u. a. die Goldilock-Zonen zirkumstellarer, thermaler und chemischer Natur, die dem Leben ein irdisches Habitat boten (Walton et al. 2026). Treiber der nicht näher charakterisierten problematischen planetaren Zustände - ich zähle hier einige auf: Veränderungen/Beschädigungen natürlicher Landschaften, Deponierung von Reststoffen, Verseuchung mit Plastikpartikeln, anthropogener Klimawandel, Umweltbeeinträchtigungen, Biodiversitätsverlust und ungünstige Veränderung der Kreisläufe des Erdsystems, etc. - sind die globale Vernutzwertung, der Verbrauch und die Verschwendung von Ressourcen, die aber nur einmal aus dem Gestein extrahiert werden können. Der jährliche globale sozioökonomische Materialumsatz erreichte im Jahr 2018 einen Betrag von ca. 316 GT/a (Cooper et al. 2018). In der Sitzungsliste dieser Tagung sind einige geeignete Themen angeführt, genannte problematische planetare Zustände zu bessern: Geoengineering, Geothermie, Carbon Capture and Storage, chemische Proxies in der Klimatologie, Spektroskopie in den Umweltgeowissenschaften, Mineralphysik, Materialforschung, sekundäre Rohstoffe, Interpretation sedimentäre Klimaarchive, Limnologie, Reduzierung der Grundwassernutzung und -belastung, Minderung von CO2-Emissionen im Bergbau, Energie- und Wärmewende, Wärmespeicherung im Untergrund, CH4-Sequestrierung aus Mülldeponien, Entstehung und Exploration natürlichen Wasserstoffs, Endlagersuche, Erdsystem und Mensch, kritische Rohstoffe, Geowissenschaften und Erziehung. Das ist eine ganze Menge an passenden Aktivitäten, um den Zivilisationsdruck auf das natürliche Erdsystem verringern zu wollen. Die geplante Feier findet meiner Meinung nach sehr verfrüht und grundlos statt, weil noch keine Ziele erreicht wurden. Denn die genannten Bemühungen zur Besserung problematischer planetarer Zustände genügen bei weitem nicht: So steigen Jahr für Jahr die anthropogenen Treibhausgaskonzentrationen und damit die gemittelten globalen atmosphärischen bodennahen Temperaturen; die 2015 in Paris beschlossenen Klimaziele werden klar verfehlt. Infolge dessen degradiert global die Cryosphäre mit entsprechenden Folgen (Auftauen/Zersetzung der Permafrostböden, Murgänge, Gletscherläufe, Fels-/Bergstürze, Veränderung der ozeanischen Zirkulation wegen Schmelzwassereintrag, etc.). Das höhere atmosphärische Sättigungsdefizit des Wasserdampfdrucks entzieht Lebewesen, Böden und Gewässern mehr Feuchtigkeit. Laut Attributionsforschung steigen durch den anthropogenen Einfluß die Wahrscheinlichkeiten für Naturkatastrophen wie Dürren, Waldbrände, Flutereignisse und Stürme; damit einher gehen höhere klimawandelbedingte Schäden an Infrastruktur; über 90% der globalen Gesamtschäden im Jahr 2024 von ca. 320 bn $ waren unwetterbedingt (Munich RE 2026). Dazu steigt der Meeresspiegel und die Versauerung, Eutrophisierung und Deoxygenation der Weltmeere. Wissenschaftler der United Nations University prognostizieren eine bevorstehende globale Wasserkrise wegen Übernutzung, Verschwendung und Verschmutzung dieser Ressource (Madani 2026). Durch fortschreitenden Klimawandel werden bis 2100 die globalen Weideböden degradieren und je nach Emissionsszenario zwischen 36-50% an Fläche verlieren (Li et al. 2026). Die globale Biodiversitätskrise schreitet weiter voran; ein Beispiel: Der Anteil an wild lebenden Säugetieren beträgt global nur mehr 4% (One world in Data 2026). Weitere Details habe ich 2017 in einem Buch zusammenzufassen versucht. Die Weltbevölkerung ist derzeit auf über acht Mrd. Individuen angestiegen, ebenso vielerorts ihr Lebensstil und damit der Verbrauch an Rohstoffen. Ich bezweifle, dass auf Dauer eine so große und immer noch weiter wachsende Zahl an Menschen dauerhaft ernährt werden kann. Und weil ich der Meinung bin, dass eine solche Situation wegen der Begrenztheit der Ressourcen niemals nachhaltig sein kann, bin ich in großer Sorge wegen potentieller zukünftiger Rofstoffkonflikte und Hungersnöte. Ripple et al. (2026) fassten die globale Situation und ihre Entwicklung zusammen: Bedingt durch die Industrialisierung ist das Erdsystem aus einem seit ca. 11000 Jahren bestehenden klimatisch stabilen Bereich herausgedrängt worden. Große Unsicherheit besteht darin, wann bei dieser Veränderung irreversible kritische Kipp-Punkte dieses Systems überschritten und klimatische Zustände sich demzufolge dauerhaft einstellen, an die sich viele Arten von Lebewesen nicht mehr anpassen können. Hier sind diesbezügliche Vorsichtsmaßnahmen unerlässliche Bedingungen, damit das Erdklimasystem nicht in eine stabile Heißphase gerät. Wirtschafts- und Montangeologen schufen für höhere Lebenserwartung, Wohlstand und Luxus in der westlichen Welt die materiellen Voraussetzungen; dieser Vorgang zeitigte Wirkungen und Nebenwirkungen, von denen inzwischen viele als bedenklich und gefährlich identifiziert wurden. Trotz Fortschritten in Dematerialisierung und Recycling wird Bergbau/Rohstoffproduktion ein Hauptteil des materiellen Kerns der Industrie und der Weltwirtschaft bleiben, mit dem sowohl essentielle Bedürfnisse als auch inzwischen weit darüber hinaus gehende Ansprüche und Begehrlichkeiten erfüllt werden. Die beiden Letzteren müssen sehr kritisch gesehen werden: wegen des teuren und umweltschädlichen Rohstoffkreislaufs, verstärkt angetrieben von der Schein-Notwendigkeit ihrer Erfüllung: Das Auffinden von Rohstoffen ist teuer, oft langwierig, erfordert Erfahrung und Expertenwissen; ihre Extraktion ist schwierig, trotz verbesserter Standards gefährlich, ungesund und hat schon viele Leben gekostet; es werden Landschaften und Lebensräume zerstört; Transport von Rohstoffen und ihre industrielle Veredelung/Verwertung ist energetisch und materiell aufwendig und wegen der bei den technisch-physikalisch-chemischen Produktherstellungsprozessen frei gesetzten Schadstoffe für die Umwelt belastend (auf viele dieser Punkte hat schon Georgius Agricola hingewiesen (Hoover & Hoover 1950)); ebenso die nach Gebrauch ausrangierten und auf Deponien entsorgten Altprodukte. Bergbau kann niemals nachhaltig sein, auch wenn es dazu andere Meinungen gibt, die ich aber ablehne, weil Rohstoffe in geologischen Zeiten entstanden, der Mensch aber ihre mit ökonomisch vertretbarem Aufwand gewinnbare Fraktion in wenigen Jahrhunderten verbraucht. Um so bedenklicher ist die Verschwendung großer Mengen wertvoller Rohstoffe für system-irrelevante Luxusgüter und -dienstleistungen (Jachten, Gigajachten, Kreuzschiffahrten, SUVs, Wohnwägen, Privatjets, Villen, etc.) und zur Deckung eines Pseudobedarfs wegen profitgetriebener, also unnötig verkürzter Produktzyklen; letztendlich steht später der hierfür schon verschwendete Teil der Primärrohstoffe bei tatsächlicher Notwendigkeit zwecks Erfüllung essentieller Bedürfnisse nicht mehr zur Verfügung. Der sozioökonomische Metabolismus bedarf in den Industriestaaten dringend der Reduktion. Weil in der Regel nicht Verbraucher, sondern Werbung und social engineering das Konsumverhalten auf breiter Fläche steuern und weil die Politik sich u. a. wegen gefährdeter Arbeitsplätze und wegen der Arbeitslosenzahlen im Würgegriff der Wirtschaft befindet, fordere ich mehr laute und kritische Stimmen der Vernunft aus der Primärindustrie, den Montanuniversitäten und den geologisch-mineralogischen Akademien, die der Verantwortung wegen für Produktionsmengenbegrenzungen und realistische Rohstoffbepreisungen einstehen und dem hinzufügen müssen, dass Rohstoffe nur mehr für wesentliche Bedürfnisse bereitgestellt werden dürfen. Hier geht es auch um die Berufsehre. Zumal Wirtschafts- und Rohstoffgeologen über die physikalischen, biologischen, zeitlichen, gesellschaftlichen und medizinischen Nah- und Fernwirkungen der Folgen ihrer explorativen Tätigkeiten am Beginn eines industriellen Wertschöpfungsvorganges unmittelbar und sehenden Auges konfrontiert sind oder sich darüber jederzeit ausführlich informieren können. Sie können direkt beobachten, welche Produkte aus den bereitgestellten Rohstoffen hergestellt werden und ermessen, ob die dafür vorgesehenen Verwendungszwecke oder Anwendungen angemessen, wohlüberlegt, nachhaltig und sinnvoll sind. Aus Vernunftgründen prospektiert niemand auf Erdöl oder Erdgas, damit 1) ein paar wenige Reiche sich auf Kreuzschiff-Fahrten bespaßen lassen oder über das Wochenende nach London jetten zwecks shopping und 2) es zu Schleuderpreisen verschwendet wird. Soviel zu meiner Begründung, warum die oben gelisteten Aktivitäten der Geowissenschaftler zur Eindämmung genannter Krise nicht genügen. Ich frage mich, wo hier noch ein Grund für "Celebrating Planet Earth" vorliegt. Und was würden Personen zu diesem Veranstaltungstitel sagen, die wegen des Klimawandels oder wegen industrieller Emissionen/immissionen/Unfälle große Nachteile zu ertragen haben? Bitte finden Sie für die Tagung GeoMinBochum2026 einen geeigneteren Veranstaltungstitel; evtl: "Caring for Planet Earth" oder "Taking care of Planet Earth" In Erwartung Ihrer Kritik oder Ihres Kommentars verbleibe ich Vielen Dank für Ihre Bemühungen Mit freundlichen Grüßen Hubert Engelbrecht
Literatur: Cooper, A. H., Brown, T. J., Waters, C. N., et al. (2018): Humans are the most significant global geomorphological driving force of the 21st century. The Anthropocene Review, 5/3, https://doi.org/10.1177/2053019618800234 Hoover, H. C.; Hoover, L. H.De re metallica. Translated from the first Latin edition in 1556, reprint, New York, 1950, https://archive.org/stream/deremetallica50agri/deremetallica50agri_djvu.txt . Book I.8 - I.9 Li, C., Kotz, M., Pradham, P. et al. (2026): Climate change drives a decline in global grazing systems.- PNAS 123(7) e2534015123, https://www.pnas.org/doi/abs/10.1073/pnas.2534015123 Munich Re (2026): Natural disasters worldwide: Losses are on the rise as climate change strikes: https://www.munichre.com/en/risks/natural-disasters.html Madani, K. (2026): Global Water Bankruptcy. Living Beyond our Hydrological Means in the Post-Crisis Era.- United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU-INWEH), Richmond Hill, Ontario, Canada. https://dx.doi.org/10.53328/INR26KAM001 und https://collections.unu.edu/eserv/UNU:10445/Global_Water_Bankruptcy_Report__2026_.pdf Our World in Data (2026): Biodiversity. https://ourworldindata.org/biodiversity?insight=wild-mammals-make-up-only-a-few-percent-of-the-worlds-mammals#key-insights Ripple, W., Wolf, C., Rockström, J., Richardson, K., Wunderling, N., Gregg, J. W., Westerhold, T., Schellnhuber, H.-J. (2025): The risk of a hothouse Earth trajectory. One Earth, https://doi.org/10.1016/j.oneear.2025.101565 Vollmar, K. (2017): Farben. Was sie bedeuten und wie sie wirken; Knaur: München. Walton, C. R., Rogers, L. K., Bonsor, A. et al. (2026): The chemical habitability of Earth and rocky planets prescribed by core formation.- nature astronomy, https://doi.org/10.1038/s41550-026-02775-z |