07.06.2021

An den Grenzen der Fehlermachens/Versagens

Irrtümer, Scheitern, Versagen, Versäumnisse, Verbrechen, Mißerfolge, etc. sind Resultate des Ausführens falsch getroffener Entscheidungen und werden hier zusammenfassend als Fehler bezeichnet. Sie werden von Staaten, Gruppen oder Einzelpersonen begangen und geschehen bei Aktionen in und Interaktionen mit den Natur- als auch den darin geschaffenen Kulturräumen. Bekanntlich hängen die Zeiträume bis zu dem Erkennen eines Fehlers, dem Beginn des Versuchs seiner Vermeidung bzw. Korrektur sowie bis zu der Erfolgsmeldung über seine Beseitigung von so vielen Faktoren ab, dass sie hier nicht weiter ausgeführt werden können; dasselbe gilt für die vielen verschiedenen Fehler-Kategorien und Dimensionen bzw. Größenordnungen bewirkter Schäden. Es gibt
Bestätigungsfehler, Rückschau- und Erinnerungsfehler, Attributionsfehler, Zustimmungsfehler, Kontinuitätsfehler, Fehler wegen Selbst- und Fremdbeeinflussung, Selbstbetrug - und dem damit verknüpften "Better-than-Average-Effekt" - , alternativen Fakten und fake news;
Fehler entstehen zudem bei Betriebsblindheit, Prokrastination, Verdrängung, emotional beeinflussten Entscheidungen, Starrsinn, Selbstüberschätzung, Übertreibung, Überheblichkeit, falschem Stolz, Besserwisserei, Subjektivität, Kontrollillusion, Realitätsverweigerung, -verlust, Eskapismus, Inkonsequenz, Indifferenz, Denkträgheit, heuristischem Denken, Ungeduld, Unsorgfältigkeit, Vermeidung kognitiver Dissonanz, Verantwortungslosigkeit und vielem mehr (GEO 03/2012: 136-149).
Fehler können auch langzeitlich oder für immer unerkannt bleiben. Problematisch ist es, wenn Fehler partout nicht eingesehen werden wollen, wenn ihr Erkennen von Interessengruppen verschleiert, Macht ihren Fortbestand schützt und sie zudem subventioniert werden, damit weiter Kasse gemacht wird. Verheerend, wenn die durch Fehler entstandenen Schäden irreparabel sind. Unerträglich für Beeinträchtigte, wenn letztinstanzlich per Gerichtsbeschluß verfügt wurde, dass niemand für den Schaden durch einen Fehler haftet.

Deshalb der gute Rat: Führen Sie Ihre Entscheidung oder Ihr Experiment erst nach gründlicher Bedenkzeit aus; und wenn Sie anschließend wahrgenommen haben, dass Sie dennoch irrten, dann suchen und identifizieren Sie Ihren Fehler, lernen Sie daraus und machen Sie es beim nächsten mal besser, sofern das notwendig sein sollte; Sie schulden das der Vernunft und Ihrer Verantwortung. Und versuchen Sie nach besten Kräften, Ihre allerbeste These/Idee selbst zu falsifizieren und eine bessere zu finden. Hören Sie nie auf zu zweifeln. Dieses permanente und kritische Hinterfragen der eigenen Handlungen und Absichten (Sokrates) könnte das universelle Prinzip jeder positiven und konstruktiven Entwicklung von Kultur sein. Leider wird danach nicht immer gehandelt, wie einige der folgenden beliebigen Beispiele zeigen: 25.05.2020: Mord an George Floyd; 10.03.2019: Absturz der Boeing 737 Max; 25.01.2019: Tailings-Dammbruch bei Brumadinho (Brasilien); 07.01.2015: Attentat auf die Redaktion Charlie Hebdo; 17.07.2014: Abschuß von MH17 der Malaysian Airlines; 24.07.2010: Love Parade Massenpanik in Duisburg; 20.04.2010: Deepwater Horizon Ölkatastrophe; ca. 2007: Klimawandelbedingtes Aussterben der Tierart Melomys rubicola; 16.01.2003: Columbia Space Shuttle Desaster; 04.-07.1994: Völkermord in Ruanda; 28.09.1994: Kentern der MS Estonia in der Ostsee; 26.04.1986: Kernschmelze im Atomkraftwerk Tschernobyl; 05.09.1972: Olympia Attentat in München; 10.11.1966: Gruppenvergewaltigung und Ermordung der Vietnamesin Phan Thi Mào; 1960: Beginn der Umweltkrise an der Aralsee; 01.10.1957: Beginn des Contergan Skandals; 06.-09.08.1945: Abwurf zweier Atombomben über japanischen Städten; 01.09.1939: Provokation des II. Weltkriegs durch Nazideutschland; 06.05.1937: Luftschiff Brandkatastrophe in Lakehurst; 14.04.1912: Untergang der RMS Titanic in der Labradorsee; etc..

Der Expeditions- und Ausstellungsleiter George H. Tulloch, der am Wrack der Titanic filmte, forschte und suchte, dort Artefakte barg und in einem Museum ausstellte, resumierte über Fehlerkultur wie folgt: „Die Titanic ist das Symbol für den Preis, den wir bezahlen mussten für unseren Mut. Und die Objekte, die wir hochgeholt haben, symbolisieren, dass das Wiederentdecken unseres Scheiterns lebenswichtig ist, damit wir betrübt sind und uns wieder heilen können und daraus wachsen.“ (SPIEGEL TV GmbH: 14.04.1912: Die letzten Stunden der unsinkbaren Titanic.- DVD-Edition, Nr. 33, 2012). Demgemäß ist ein Lernen aus Fehlern dann optimal wirksam, wenn originale Fragmente oder Relikte des Havarierten / Gescheiterten gefunden und einer möglichst breiten Öffentlichkeit präsentiert werden. Je länger die Suche nach solchen Erzeugnissen menschlichen Versagens dauert, je schwerer erreichbar und bergbar sie sind und je größer das zugrunde liegende Fehlverhalten war, desto größer ihr pädagogischer Wert.

Der Faktor der Fehlerwirkungsdimension aber bedingt eine Einschränkung der generellen Machbarkeit des o. g. Prinzips des vielfach wiederholbaren „try and error“: Die beliebige Wiederholbarkeit gilt nur für die Fehlerarten, deren Effekte das umfassend größere Gesamtsystem nicht nachhaltig beschädigen oder kippen und es mehr oder weniger intakt fortbestehen lassen. Aber seit Beginn der industriellen Technikentwicklung können schädliche Folgen von Fehlern bedenklich große Ausmaße erreichen. Wenn sich zu viele - verschiedene oder immer wieder die gleichen - Fehler in ihren Wirkungen addieren, weil sie nicht rechtzeitig erkannt wurden oder absichtlich wider besseres Wissen ignoriert blieben, dann können diese in ihrer Summe ausreichend Potenzial und Momentum aufgebaut haben, das Gesamtsystem in seiner Gänze dauerhaft und irreversibel zu verändern (sprich: „alles in einen Abgrund reißen“), weil für das zur Vermeidung Erforderliche zu wenig getan wurde: z. B. Förderung einer nachhaltigen Rohstoffwende, Etablierung des neuen ethischen Wertesystem der Aufklärung 2.0, Abwehr eines Dritten Weltkriegs. Das Ignorieren der Grenzen des Wachstums führte an die Grenze des Fehlermachens.

Eine neue Situation ist entstanden, weil es wegen der allumfassenden Wirkung dieser Fehlerart auf das alte Gesamtsystem keine intakt gebliebenen Bereiche mehr geben kann, aus denen heraus ein zweiter Versuch gestartet werden könnte, es erneut und dieses mal besser machen zu wollen. Eine Entwicklung auf die oben beschriebene Art des „try and error“ ist dann nicht mehr möglich.

Wegen der Totalität solcher Fehlerwirkungen ist das vorher Bestandene - Natur und Kultur - entweder ausgelöscht, aufgelöst, fragmentiert oder transformiert worden; durch Schadenwechselwirkungen können zusätzlich unbekannte Emergenzen ihre Wirkungen entfalten. Es gibt dann kein Retten bzw. Bergen mehr, weil kein unverändert gebliebenes System - oder Bereiche davon - erhalten blieb, aus dem heraus solche Hilfsmaßnahmen erfolgen könnten; und worin das rechtzeitig Gerettete / Geborgene sicher gelagert werden könnte. Zeitlich begrenzt und in ganz kleinem Umfang besteht noch die Option des Konservierens, indem wertvolle oder ikonische Objekte des alten Gesamtsystems rechtzeitig in künstliche Nischen wie Museen, botanische Gärten, Zoos, Archive, Saatgut-Tresore, Eisbohrkern-Lager, etc. verbracht werden und so noch eine zeitlang erhalten bleiben. An Hand dieser Asservate kann das Scheitern analysiert, erkannt, interpretiert und aus ihm gelernt werden. Objekte aus Naturräumen erinnern an verlorene Paradiese und solche aus Kulturräumen oft an Fehler.

So wie das Wrack der Titanic noch für lange Zeit stabil auf dem Tiefseeboden lagert, gerät nach dem Fehler des Überschreitens von Kipp-Punkten das Erdsystem über sehr lange Zeit in einen locked-in Zustand, gekennzeichnet durch eine stabile Heißzeit. Alles muß getan werden, damit ein solcher letzter Grenzfehler unterlassen bleibt.

Aus Fehlern lernen, so lautet ein altes Sprichwort. Das bedeutet letztendlich und im Wesentlichen eine zügige und vollständige Umsetzung der daraus gewonnenen evidenzbasierten Erkenntnis. Gemäß diesem Verhalten entstanden zahlreiche positive Komponenten der kulturellen Entwicklung; siehe Kapitel 17 meines Buches.Vom Philosophen Lucius A. Seneca wissen wir aber, dass das Verhalten, die Korrektur von Fehlern blockieren zu wollen, so alt ist wie die Spezies homo sapiens selbst: "Errare humanum est; sed perseverare in errare diabolicum". Die bedauerlichen Konsequenzen daraus und die vielfältigen Gründe hierfür habe ich in den Kapiteln 18-19 versucht zusammenzustellen. So muss noch mehr darüber nachgedacht werden, wie diese tief in vielen Menschen verwurzelte Eigenschaft, das Beenden von Fehlverhalten verhindern/prokrastinieren zu wollen, gebessert oder gar aufgelöst werden kann: E. g.: Wie man die schon genannten Produzenten fossiler Energierohstoffe und potentielle Profiteure des Klimawandels (e. g. Regierungen von und Industrien in Ländern nördlich 49°N (GEO 06, Seite 85, 2021)) vom Sinn solidarischen Handelns überzeugt, damit das Erdsystem nicht noch weiter in die Nähe bedrohlicher Kipp-Punkte gebracht wird. Gelingt das nicht, käme das einem Holocaust der Vernunft gleich; folglich hätte der Mensch sein Anrecht auf das Attribut "sapiens" verwirkt.

Hubert Engelbrecht

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