Appell

Mein an Wissenschaftler, Schriftsteller, Pädagogen, Journalisten, Kunstschaffende und alle weiteren Talente gerichteter Appell besagt, dass mehr von ihnen Zivilcourage und Interesse am Gemeinwohl zeigen sollen, indem sie sich verstärkt zur Lösung aktueller Probleme einbringen. Das betrifft freilich auch die, welche isoliert in Klausen bzw. Orchideenfächern arbeiten und nur teures Luxuswissen schaffen. All diese begabten Spezialisten sollen sich noch mehr anstrengen: indem sie über ihren Tellerrand schauen und den Gang bzw. die Entwicklung in die Interdisziplinarität und mehr Komplexität wagen. Gerade die brillianten Köpfe unter ihnen sollten in Krisenzeiten aus ihren Elfenbeintürmen herauskommen, um in Solidarität zu helfen. Konkret: die Suche nach Wasser und Leben auf dem Planeten Mars ist - weder im wörtlichen noch im übertragenen und generalisierten Sinne - in Krisenzeiten nicht in Ordnung. Meiner Meinung nach ist es so sinnvoll wie notwendig, dass solch hochbegabte Personen Teile ihrer physischen Kräfte und geistigen Potentiale verwenden, um unbeeinflusst über aktuelle Probleme geduldig und gründlich nachzudenken und sich mit konstruktiven und praktikablen Lösungsvorschlägen zu Wort zu melden. Stephan Hessel machte dies mit seinem Aufruf Mischt Euch ein! klar; noch deutlicher wurde vor ihm die "Weiße Rose": jeder ist für das verantwortlich, was er geschehen lässt. Abhängigkeiten dürfen dabei keine Rolle spielen, weil wegen der per demokratischer Verfassung garantierten Grundrechte Meinungsfreiheit gewährt werden muss und aus Gründen der Fairness niemand benachteiligt oder anderweitig unter Druck gesetzt werden darf. Hinweg mit den ungezählten Maulkörben! Es ist langfristig für alle schädlich, wenn nur wegen Eigennutz und Trägheit wertvolle Lösungsvorschläge entsorgt werden, indem man sie in den Massengräbern der guten Ideen versenkt. Es geht in Anbetracht der Vielzahl der Probleme inzwischen m. E. ganz einfach um den Erhalt qualitätsvollen Fortschritts in Kultur, Wissenschaft und Bildung/Ausbildung. Die Probleme können so große Ausmaße annehmen, Aufmerksamkeit binden und Geld/Ressourcen aufzehren, dass der Wissenschafts- und Kulturbetrieb eingeschränkt bzw. eingestellt werden muss und somit kein Fortschritt mehr stattfindet. Es kann freilich auch sein, dass Wissenschaftler und andere Kulturschaffende nur mehr so geringen Lohn erhalten, dass sie davon nicht mehr existieren können (Prekariat). Letztendlich gefährden sie ihre eigenen Positionen, wenn sie untätig bleiben und nicht an den Lösungen der Probleme mitarbeiten. Selbst in Ländern, die sich als kulturell hoch entwickelt und im Informationszeitalter angekommen sehen, betragen die jährlichen Staatsetats für Kultur, Wissenschaft und Bildung/Ausbildung nur wenige Prozent; das ist viel zu wenig: schlechte Ausbildung führt zu Defiziten in internationaler Konkurrenzfähigkeit in Technik und Wissenschaft. Die meisten der selbstgemachten Probleme sind Allgemeinplätze, über die meist nur viel geredet wird: Globalisierung, Überbevölkerung, Vermassung, Artenschwund, Ressourcenverknappung, Wachstumszwang, Umweltbeeinträchtigungen, Klimawandel, wachsende Disparitäten, Massenarmut und Armutsmigration, Massen-Wohlstandskrankheiten, Zeitstress, Trivialisierung, wachsende Staatsschulden, Massenarbeitslosigkeit, Werte- und Moralverfall, wachsende Intoleranz, religiöser und politischer Extremismus, Lobbyismus, Materialismus, Utilitarismus, Mißbrauch biologischer Programme, Korruption, Prokrastination, Eskapismus, Schwarzarbeit, Lohndumping, Steuerhinterziehung, Wirtschafts- und Finanzkrisen, Informationsüberflutung, Politikverdrossenheit, etc.: immer mehr Krisen, die zeigen, dass die zu ihrer Bewältigung bestellten und bezahlten Sachverständigen (Politiker, Juristen, Richter, etc.) sie nicht in den Griff bekommen. Problematisch sehe ich v. a. eine Entwicklung, die bestimmt nicht gut enden kann: dass nämlich seit der Industriellen Revolution im Jahresmittel der CO2-Ausstoß in die Atmosphäre um 121% das Jahresmittel der CO2-Entgasungen einer Naturkatastrophe übersteigt: das der Flutbasaltmassen, die vor 252 Millionen Jahren die bis dato größte bekannte biotische Krise erzeugt haben; siehe Details im Anhang.
Ein so extrem komplexer Problemkreis kann nur von vielen hochbegabten Generalisten gemeinsam angegangen werden, die sich allesamt an einen Tisch setzen mit dem unbedingten Willen zur Besserung der Situation. Es ist an der Zeit, den Gordischen Knoten zu entflechten und die Babylonische Sprachverwirrung aufzulösen.
Mein an alle Erfinder, Techniker, Produzenten, Wirtschafts-, Werbe- und Finanzfachkräfte gerichteter Appell besagt, dass sie sich aktiv, selbstkritisch und gründlich mit den gesellschaftlichen, marktwirtschaftlichen, ökologischen, politischen und ethischen Auswirkungen und Langzeitfolgen ihrer technischen Entwicklungs-, Anwendungs- und industriellen Produktionsarbeiten bzw. ihres Finanz- und Investmentgebarens auseinanderzusetzen haben. All diese Tätigkeiten ohne ökologisches und humanitäres Wertefundament und ohne vernünftiges Maß führen garantiert ins Verderben. Es sollte klar sein, dass in Krisenzeiten triviales Denken nur an den Eigennutz dem Altruismus und dem Denken an das gemeinschaftliche Wohl nachgeordnet ist. Der Sinn des Lebens kann nicht nur beschränkt bleiben auf die Befriedigung verwerflicher Geld- und Machtgier.
Als Vorbilder für die empfohlene Richtung sehe ich z. B. die Ökonomen Ernst Friedrich Schumacher und Friedrich Wilhelm Raiffeisen, den Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, den Physikochemiker F. Wilhelm Ostwald, die Gründungsväter des Russell-Einstein-Manifests, die Künstler Pablo Picasso (Guernica, 1937), Francisco de Goya y Lucientes (Los Desastros de la Guerra, 1808-1814) und Otto Dix (Der Krieg, 1929-1932), den Physiker und Biologen Ernst Ulrich von Weizsäcker, den Geowissenschaftler Reinhold Leinfelder sowie den Meteorologen Paul J. Crutzen.

Anhang:
- R. Heede 2014 (http://dx.doi.org/10.1007/s10584-013-0986-y) berechnete für den Zeitraum von 1854-2010 den Gesamtbetrag des anthropogenen CO2-Ausstoßes auf 914 Gigatonnen. Da derzeit jährlich ca. 30 Gt hinzukommen, sind bis Ende 2013 ca. 1000Gt emittiert worden. Pro Jahr entspricht das einer gemittelten CO2-Emissionsrate von 10exp3Gt : 159a = 6,2 Gt/a. Der größte Teil des dafür verwendeten Kohlenstoffs war fossiler Herkunft.
- Burgess et al. 2014 (http://dx.doi.org/10.1073/pnas.1317692111) bestimmten radiometrisch eine Zeitspanne von 60000a für die Effusion der Sibirischen Flutbasalte, deren riesige Gasemissionen Ursache waren für die große biotische Krise, welche die geologische Grenze zwischen Perm und Trias definiert. Sobolev et al. 2011 (http://dx.doi.org/10.1038/nature10385) berechneten die bei dieser Effusion freigewordene Menge an CO2 auf 170 Teratonnen. Das entspricht einer gemittelten CO2-Emissionsrate von 1,7x10exp14T : 6x10exp4a = 2,8x10exp9T/a = 2,8Gt/a.
- Bottini et al. 2011 (http://abstractsearch.agu.org/meetings/2011/FM/sections/V/sessions/V54A/abstracts/V54A-06.html) und Schaller et al. 2011 (http://abstractsearch.agu.org/meetings/2011/FM/sections/V/sessions/V54A/abstracts/V54A-07.html) wiesen nach, dass CO2-Emissionen dieser Größenordnung direkt globale Klimaveränderungen auslösen.

Die seit Beginn der Industriellen Revolution berechnete gemittelte Intensität des anthropogen erzeugten CO2-Ausstoßes in die Atmosphäre übersteigt um mehr als das Doppelte (121%) diejenige des gemittelten vulkanogenen CO2-Ausstoßes, der vor 252 Millionen Jahren stattfand und dessen Verlauf die Ökosysteme global so stark beeinträchtigte, dass 96% der Meereslebewesen sowie 70% der Landlebewesen ausgelöscht wurden. Freilich wird die berechnete anthropogene CO2-Emissionsrate nicht über geologische Zeiten fortbestehen können, doch übt ihr gemittelter Betrag noch größeren aktuellen Anpassungs-Stress auf Arten und Extinktionsraten in Ökosystemen aus als damals an der Grenze Perm-Trias, sofern das Verbrennen fossilen Kohlenstoffs nicht eingeschränkt wird. Ich habe kein Verständnis für das Langzeit-Leugnen einer erkannten großen Gefahr.
Ceballos et al. 2015 sehen eine enge Korrelation zwischen anwachsender Extinktionsrate und der Entstehung der Industriegesellschaft; sie schließen daraus, dass dies der Beginn der sechsten globalen Massenauslöschung ist.

Zurück Home Online seit 15.03.2014; letzte Ergänzung 31.01.2016

Hubert Engelbrecht

P.S.:
- Es genügt nicht, wenn Wissenschaftler in der Politik meistens nur beratende Funktion haben.

-Am 20. April 2014 las ich folgenden Text, der die Bedeutung dieses Appells unterstreicht: "Ich denke wirklich, dass die geistig reiferen Menschen sich durch Vernachlässigung der allgemeinen politischen Fragen versündigt haben" (Albert Einstein 1916: Meine Meinung über den Krieg.- In: Das Land Goethes 1914-1916, Goethebund Berlin. Siehe auch DIE ZEIT 10: 21 vom 27.02.2014).

Der Kunstmaler Max Beckmann 21.07.1936: "Die Größte Gefahr, die uns allen Menschen droht, ist der Collektivismus. Überall wird versucht, das Glück oder die Lebensmöglichkeiten der Menschen auf ds Niveau eines Termitenstaates herabzuschreuben. Dem widersetze ich mich mit der ganzen Kraft meiner Seele."

Der Künstler Pablo Picasso 1945: "Der Künstler ist ein politisches Wesen, stets aufnahmebereit für bewegende, brennende ... Ereignisse, die er in jeder Weise erwidert. Wie ist es möglich, für andere Menschen kein Interesse zu zeigen und sich in einen elfenbeinernen Turm vor dem Leben zu flüchten, das sie dir so reichlich bescheren? Nein, Malerei ist nicht dazu da, um Appartements zu schmücken. Sie ist eine Waffe zu Angriff und Verteidigung gegen den Feind....".

- Der Biologe Prof. Paul R. Ehrlich stellt in AMBIO 43: 847-848 (Sept. 2014) fest, dass alle Wissenschaftler neben ihrer normalen Arbeit sich verstärkt einsetzen müssen, um die Ursachen der Umweltproblematik besser zu verstehen und sie der Allgemeinheit verständlich zu machen, damit weitere schwere Konflikte vermieden werden. Er schließt mit der Feststellung, dass Wissenschaftler moderne Voltaires werden müssen.

- Der Philosoph Prof. Carl Mitcham stellt in Issues in Science and Technology, Fall 2014: 31/1: 19-22 fest, dass die ganzheitlichen und hochkomplexen Auswirkungen und Transformationen durch Erfindungen, Innovationen und technischen Fortschritt auf den Menschen aus Gründen der Verantwortung und der Moral besser verstanden und vernünftig kontrolliert werden müssen durch 1) verstärkten interdisziplinären Diskurs zwischen Geistes- und Naturwissenschaften/Technik und 2) vertieftes und selbstkritisches Bewusstsein über die eigene Begrenztheit sowie die Conditio-humana-technologica. Zusammengefasst: Techniker müssen sich den Folgen ihrer Tätigkeiten besser bewusst werden und darüber reflektieren; Technik braucht - ähnlich wie die experimentelle Physik die theoretische Physik - einen geisteswissenschaftlich-philosophischen Überbau.

- Exzerpt aus Protokoll zur Pugwash-Konferenz 1958: "...Aufgrund ihrer Sachkenntnisse sind die Wissenschaftler in der Lage, die Gefahren und Verheißungen, die sich aus naturwissenschaftlichen Entwicklungen ergeben, frühzeitig zu erkennen. Sie haben dafür eine besondere Kompetenz und tragen andererseits auch eine besondere Verantwortung hinsichtlich der dringendsten Probleme unserer Zeit." (Quelle: Wikipedia, Suchbegriff Verantwortung; abgerufen am 02.01.2015).

- Schreiben des Herrn Albert Einstein an Herrn Max von Laue vom 16.05.1933: "...Deine Ansicht, dass der wissenschaftliche Mensch in den politischen, d. h. menschlichen Angelegenheiten im weiteren Sinne schweigen soll, teile ich nicht. Du siehst ja gerade an den Verhältnissen in Deutschland, wohin solche Selbstbeschränkung führt. Es bedeutet, die Führung den Blinden und Verantwortungslosen zu überlassen. Steckt nicht ein Mangel an Verantwortungsgefühl dahinter? Wo stünden wir, wenn Leute wie Giordano Bruno, Spinoza, Voltaire, Humboldt so gedacht hätten?" (Quelle: Wikipedia, Suchbegriff Verantwortung; abgerufen am 02.01.2015).

- Prof. Jean Ziegler (2015), Menschenrechtler: "Wir als Intellektuelle haben die Aufgabe, die Menschen davon zu überzeugen, dass eine bessere Welt möglich ist." In: "Ändere die Welt!", Verlag C. Bertelsmann.

- Man setze in Gedanken die Weltressourcen mit einem marshmallow und eine Testperson mit der Weltwirtschaft gleich. Das Ergebnis dieses Gedankenexperiments kann nur sein, dass seit ihrem Bestehen die Weltwirtschaft diesen Test noch nie bestanden hat.