München und Murnau, den 26.07.2013

An den Arbeitskreis
"Geschichte des Nationalsozialismus in Murnau"

Betreff: Mein Kommentar zum Thema "Warum macht es Sinn, die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten?" der Vortragsreihe "Nationalsozialismus in Oberbayern" der Marktgemeinde Murnau im Jahr 2013

Sehr geehrte Damen und sehr geehrte Herren des Arbeitskreises,
ich bin direkter Abkömmling der alteingesessenen Murnauer Familie Engelbrecht und war von 1961 bis 02.1988 bei der Marktgemeinde Murnau amtlich gemeldet. Mein Großonkel Otto Johann Engelbert Engelbrecht (http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Engelbrecht) und mein Großvater Dr. med. Johann Georg Engelbrecht (http://www.europeana1914-1918.eu/en/contributions/1706) waren in der NS-Zeit Karrieristen, die es bis zum Minister des Reiches bzw. Generalarzt der Luftflotte West brachten; beide waren damals als Blutordensträger bzw. als Inhaber des Kriegs-Verdienst-Kreuzes I. Klasse geachtete, weil offiziell geehrte Persönlichkeiten. Nach dem 08.05.1945 und ihren jähen Karriere-Enden wurde im familiären Kreis bis heute dazu nichts wesentliches aufgearbeitet. Auch aus dieser leidvollen persönlichen Erfahrung heraus halte ich es für meine sittliche und deshalb unerlässliche Pflicht, mich zu dem im Betreff genannten Thema ausführlich zu äussern:
Wie Sie im Flyer ankündigen, wird in einer Podiumsdiskussion in der Ödön von Horvath Aula im Staffelsee-Gymnasium Murnau am 22.11.2013 dieses Thema unter Moderation von Stephanie Heinzeller erörtert und damit die Vortragsreihe "Nationalsozialismus in Oberbayern" abgeschlossen. Diese Reihe, so steht es im Flyer, ist "als erster Schritt" zur Aufarbeitung der Murnauer NS-Zeit gedacht. Es soll unter anderem um die Fragen gehen, warum
- für die Erben der NS-Ewigkeitslasten die Qualität ihrer offenen und demokratischen Zivilgesellschaft steht und fällt mit einer kontinuierlichen, lebendigen, tabufreien, ehrlichen und fairen Diskussion über den Nationalsozialismus,
- für Teile der Bevölkerung (NPD, Bund Viking, Kameradschaft Süd, Thule, Organisation Consul, Versand der Bewegung, Freies Netz Süd, Das Braune Haus, etc.) der Nationalsozialismus weiterhin unwiderstehlich attraktiv ist und
- seine bis heute (NSU-Morde) und in die Zukunft reichenden Verheerungen ein Problem bleiben wird. Die meines Erachtens dabei zu diskutierenden und fest im Blick zu behaltenden politischen, soziologische und psychologischen Themen und Problemthemen wie Freiheit, Individualismus, Kameradschaft, Erziehung, Zucht und Ordnung, Ehre, Treue, Gruppendruck, Kollektivismus, Vermassung, Angepasstheit, Tradition, Prägung, Obrigkeitshörigkeit, Gemeinschaftssinn, Manipulierbarkeit, Aggression, Demagogie, Extremismus, Fanatismus, Verblendung, Eifer, Leidenschaft, Begeisterung und Faszination, Nationalismus, Führung, Charisma, Faschismus, Gleichschaltung, Rassismus, Vorurteil, Ausgrenzung, Anerkennung, Ideologisierung, Agitation, Terrorismus, Vorbilder, Ästhetik, Totalitarismus, Diktatur, Militarismus, Heldentum, Dünkel, Macht und Gewalt, Angst, Toleranz, Diversität, Pluralismus, Fairness, Eigennutz, Gefälligkeit, Nepotismus, Bestechlichkeit, Materialismus, Nützlichkeitsdenken, Opportunismus, Vorteilnahme, Trägheit, Korruption, Karriere, Lobbyismus, Solidarität, Gleichgültigkeit, Zivilcourage, Verantwortung, Bildung, Intelligenz, Kreativität, Dummheit, Verdrängung, Irrationalität, Glauben und Hoffen, Gelassenheit, Vernunft, Wissen, freier Wille, Gerechtigkeit, Sittlichkeit, Gewissen, sich einmischen, Wegschauen, Schuld und Sühne, Krieg und Frieden, Roheit und Sensibilität, Moral, Humanität sind stets aktuell.
Im Begleitschreiben des Flyer steht unter der Titelzeile "Warum eine Vortragsreihe zum Nationalsozialismus in Oberbayern?" ferner, dass der Murnauer Marktgemeinderat am 15.12.2011 einstimmig beschlossen hat, die NS-Vergangenheit Murnaus aufzuarbeiten. Also 66 Jahre, 7 Monate und 7 Tage nach dem 08.05.1945. Zeitlich ist das um einiges mehr als ein halbes Jahrhundert. Ein erstaunlicher Beschluß, denn er bedeutet auch, dass die Mehrheit der Marktgemeinde über so lange Zeit ihre NS-Vergangenheit nicht freiwillig aufarbeiten wollte und möglicherweise schon früher geführte Diskussionen darüber beendet und gestellte Anträge Einzelner abgelehnt hat. Die Aufarbeitung der NS-Zeit geschah an vielen anderen Orten der BRD bereits wesentlich früher; die Bayerische Staatsbibliothek führt dazu Tausende von Zitaten. Einige wenige Beispiele: Der Stadtrat Münchens benannte am 09.09.1946 das Rondell am Schillerdenkmal in Platz der Opfer des Nationalsozialismus um; seitdem sind in dieser Stadt ca. 200 Mahnmale auf öffentlichem Grund entstanden (Pfoertner, Helga 2001; 2003; 2005): Mahnmale, Gedenkstätten und Erinnerungsorte für die Opfer des Nationalsozialismus in München 1933-1945 http://www.ns-dokumentationszentrum-muenchen.de/Literatur/erinnerungsorte). Die Stadt Kronach schuf 1964 eine Gedenktafel für ihre im Jahr 1942 ermordeten jüdischen Mitbürger. Die Stadt Heidenheim an der Brenz errichtete 1971 einen Gedenkstein für den Widerstandskämpfer Georg Elser. Die Gemeinden Gauting bei München und Petershausen bei Starnberg ließen 1989 bzw. 1991 Todesmarsch-Mahnmale in ihren Ortsbereichen errichten. In Nürnberg gibt es seit dem 24.10.1993 die Straße der Menschenrechte: als Anklage gegen die Verbrechen der Nationalsozialisten. Bundespräsident Roman Herzog hat in seiner Ansprache am 19.01.1996 dazu aufgerufen, sich mit dem Thema NS-Totalitarismus auseinanderzusetzen und ihn trotz wachsenden zeitlichen Abstandes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern beständig zu erinnern, zu gedenken und daraus zu lernen: Lehren müssen gezogen werden, die auch künftigen Generationen Orientierung sind und erneute Irrwege vermeiden helfen. In und um Murnau fand betreffend Schaffung von Gedenkstätten für die Opfer der NS-Zeit zunächst keine nennenswerte Entwicklung statt. Ca. 1957 sind im Landkreis Garmisch-Partenkirchen KZ-Friedhöfe und -Grabstätten bei Kohlgrub, Garmisch-Partenkirchen, Krün und Mittenwald aufgelöst worden (Nerdinger, W. 1993: Bauen im Nationalsozialismus Bayern 1933-1945: Seite 538). Auf den 774 Seiten des Buches "Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus - Eine Dokumentation I" (Bundeszentrale für politische Bildung 1995) ist weder die Ortschaft Murnau noch irgend ein anderer Ort des Landkreises Garmisch-Partenkirchen genannt. Freilich kann ein Gedenkstättenbuch, in dem nach langwieriger Detailarbeit Tausende von Objekten aufgelistet wurden, nicht vollständig sein: es fehlt z. B. die 1993 gestaltete Gedenksäule für Christoph Probst im Staffelsee-Gymnasium Murnau. In der seit 1993 bestehenden und 2010 neu konzipierten Ödon von Horvath Abteilung des Schloßmuseums Murnau wird das Thema Murnauer NS-Geschichte nur indirekt aufgearbeitet, da der Hauptaspekt der Ausstellung den Literaten selbst betrifft; sie wird dort zudem nur unvollständig aufgearbeitet, weil die vielen weiteren NS-Themen wegen des vorgegebenen Kontextes nicht dargestellt wurden; diese Ausstellung ist aber ein guter Ansatz. Die wenigen Seiten NS-Ortsgeschichte in "Markt Murnau am Staffelsee - Beiträge zur Geschichte Band 1 (2002: 94-117)", die sporadisch erscheinenden Aufsätze zu NS-Themen in Schriftenreihen der Region, entsprechende Beiträge in Lokalzeitungen sowie Dokumentationen und Buchveröffentlichungen (z. B. Gmde. Riegsee: Hochlandlager bei Aidling; Werner Kraus 2002: Karl der Kleine - Geschichte einer Jugend) sind sehr löblich; betreffend gemeinsamer Aufarbeitung aber zu wenig und zudem keine offiziellen Aktionen. Am 10.08.2012 sind ein Mahnmal und eine Gedenktafel für polnische Kriegsgefangene eingeweiht worden; nur ca. 50 Personen waren laut Pressebericht bei der Gedenkfeier anwesend. Die 1983 erfolgte Benennung einer Straße in Murnau nach Christoph Probst war eine gute Idee des Herrn Jakob Thannhuber; ebenso die Einrichtung einer Bronzetafel am Geburtshaus von Christoph Probst, der sich während seines Sanitätsdienstes in Kriegslazaretten und in seiner Münchner Studentenzeit zum Widerstandskämpfer entwickelte. Die Gedenkaktionen in Murnau anlässlich des Todestages der Geschwister Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst halte ich für sehr erfreulich. Zudem war es gut, dass im November 2010 in Murnau der Film "Die Weiße Rose" gezeigt wurde und anschließend mit dem Regisseur Dr. Michael Verhoeven diskutiert werden konnte. Der Murnauer Bürger Werner Kraus (*1922 †2011) engagierte sich nach seiner Pensionierung als einziger Zeitzeuge der Marktgemeinde: er hatte die Kraft zur Selbstreflexion und konnte deshalb vor Schülern über seine Erfahrungen in der NS-Zeit erzählen und darüber diskutieren. Freilich kann ich nicht alle Tätigkeiten aufzählen, die in Murnau betreffend NS-Aufarbeitung zustande kamen; aber ich denke, es waren zu wenige und die meisten kamen zu spät. Wenn Sie möchten, können Sie mir schreiben, was ich alles vergessen oder nicht gewusst oder falsch gebracht habe.
Sehr erfreulich ist, dass am 20.03.2010 und am 10.11.2010 in Mittenwald und Garmisch-Partenkirchen Mahnmale eingerichtet wurden gegen die Kriegsverbrechen der Gebirgsjäger der Wehrmacht bzw. gegen die Vertreibung jüdischer Bürger aus Garmisch-Partenkirchen 1938. Ebenso erfreulich auch die im Oktober 2013 stattfindenden songs of freedom im Weltmusikfestival grenzenlos, wofür Anna E. Rosmus und Alfred Grosser Grußworte verfasst haben. Gratulation zur Protestaktion gegen die NPD-Veranstaltung am 12.07.2013 in Murnau.
Was ist geschehen und was hat dazu geführt, dass der eingangs genannte Gemeinderatsbeschluß erst im Dezember 2011, gut zwei Generationen nach bedingungsloser Kapitulation der Vertreter eines Unrechtssystems, gefasst worden ist? Kann ein wegen zeitlicher Fernpositionierung in die Wirkungs- und Substanzlosigkeit gebrachter Beschluß ernst gemeint gewesen sein? Was nutzt es nachkommenden Generationen und den Geschädigten noch, wenn es bald 70 Jahre und noch länger dauern kann, bis eine verschworene Gemeinschaft ihr Schweigekartell, ihre Omerta auflöst, ihre Fehler eingesteht und Fortschritt/Entwicklung zulässt, indem sie endlich den Stall des Augias ausmistet und so die Möglichkeit einräumt, aus Fehlern zu lernen. Die Möglichkeit zur Aufarbeitung politischer Unrechtssysteme muss doch möglichst zeitnah ergriffen werden, denn nur dann wirkt sie authentisch. Wahrhaftige Aufarbeitung ist seinem Wesen nach zeitgebunden: je später sie erfolgt, desto unechter, irritierender und peinlicher wirkt sie, weil dies zwangsläufig bedeutet, dass trotz durchgesetzten Rechtes dieses weiterhin stur ignoriert und gewaltsam an Unrecht festgehalten und somit auf ein Unrecht noch ein weiteres draufgesetzt wird. Die Opfer werden nicht erlöst und bleiben unbeachtet, indem die Täter ihr Unrecht weiterhin nicht eingestehen.
Politische Aufarbeitung muss eine
- Selbstverständlichkeit sein und sollte besser keines offiziellen und sehr verspäteten Gremienbeschlusses bedürfen;
- Frage der Moral und Fairness und nicht eine der Machtverhältnisse sein; dies setzt aber den Willen zur Einsicht und Reflexion voraus, über Vergangenes selbstkritisch nachzudenken, geistige Einstellungen zu korrigieren, eigenes Fehlverhalten zu erkennen, dies gegenüber den Geschädigten einzugestehen, das eigene Versagen kundzutun, die Gründe hierfür zu nennen und dafür zu sorgen, dass solche Fehler sich nicht wiederholen. Zu meiner Gymnasialzeit (1967-1976) fanden keine Exkursionen zu Gedenkstätten für die Opfer der NS-Zeit statt; im Geschichtsunterricht der Oberstufe wurde aber der Nationalsozialismus ausführlich besprochen, wofür ich der damaligen Lehrkraft noch heute dankbar bin.
Es gibt keinen vernünftigen Grund, die destruktiven Verhaltensweisen anderer Organisationen in punkto Aufarbeitung zu imitieren, wie z. B. das der katholischen Kirche mit ihrem Unrechtsfall Prof. Giordano Bruno, der 400 Jahre auf seine - unvollständige - Aufarbeitung warten ließ; bei der Aufarbeitung des Falls Dr. phil. Edith Stein bemühte sich diese Einrichtung dann doch zu mehr Eile. Durch Tätigkeit neutraler Wahrheitsfindungs- und Versöhnungskommissionen - die besser geeignet sind als sogenannte "interne Kommissionen" - realisierte zeitnahe Aufarbeitung von Unrecht löst Spannungen und trägt zur politisch-weltanschaulichen Befriedung bei, wie es z. B. die Verläufe der Konflikte in Nordirland (Bloody Sunday 30.01.1972 in Londonderry), in Kambodscha (Pol Pots Rote Khmer: 1975-1979 Völkermord an den Kambodschanern) in Ruanda-Burundi (Völkermord der Hutu an den Tutsi 1994) und in Südafrika (Rassismus, Apartheid) zeigten.
Aussitzen wollen, Zeit gewinnen, so tun, als sei nichts gewesen bzw. alles in Ordnung geblieben; Zeit vergehen lassen, einschlafen/eingehen lassen; Stillstand. Bequemes Einrichten in den Lebenslügen. Ewig Rechthaben, unfehlbar sein wollen. Keine Experimente: alles bleibt beim alten. Negativselektion: in die Entscheidungsgremien kommen nur Personen mit garantiert demselben Stallgeruch. Herzen aus Stein: kollektive Eineisung von Mitleid und Emphatie. Unterdrücken, Abwürgen und Zermürben aller ehrlich gemeinten Initiativen in Richtung NS-Aufarbeitung. Man drehte auch den Spieß um und verunglimpfte zeitkritische Persönlichkeiten wie z. B. Anna E. Rosmus, Konstantin Wecker und Rolf Hochhut als Nestbeschmutzer. Abwarten, bis alle Täter, direkt Geschädigten und Zeitzeugen nicht mehr sind und neue Probleme dieses Thema in den Hintergrund gedrängt oder überlagert haben. Die Unfähigkeit, menschliches Versagen einzugestehen; Wirklichkeitsverweigerung: gewaltsame Unterdrückung historischer Wahrheit: Kaschieren der mit Bedacht selbst geschaffenen, grauenhaften Vergangenheiten, in denen das Gros der Reichsdeutschen vorübergehend jubelnd und triumphierend befreit war von der "Last der Sittlichkeit" (Josef Furtmeier) und vom Volk der Dichter und Denker zu einer rasend verblendeten Grob- und Großmasse der Blutrichter, Henker, Auftragsmörder, intoleranten Herrenmenschen und Denunzianten wurde.
Es ist doch so: je länger man auf Fehlern beharrt, desto größer lässt man sie werden. Sturheit in die falsche Richtung führt stets in die Katastrophe. Es gilt, endlich eine vernünftige Fehlerkultur zu entwickeln.
Niemand entkommt seiner Geschichtlichkeit; hierzu der Theologe, Philosoph, Psychologe und Pädagoge Wilhelm Dilthey (*19.11.1833 Wiesbaden-Biebrich; †01.10.1911 Seis bei Bozen): "Was der Mensch sei, sagt ihm nur seine Geschichte. Umsonst werfen andere die ganze Vergangenheit hinter sich, um gleichsam neu anzufangen. Aber sie vermögen nicht abzuschütteln, was gewesen; und die Götter der Vergangenheit werden zu Gespenstern. Die Melodie des Lebens ist bedingt durch die begleitenden Stimmen der Vergangenheit." Oder kurz und prägnant: "Die Gegenwärtigkeit der Vergangenheit in der Zeitgeschichte" (Edith Raim).
Schlampige, offizielle Pseudo-Entnazifizierung (in Spruchkammerakten trifft man auf Schreibfehler wie "Heidrich") sowie Demokratie- und Sozialisierungsunterricht in der Nachkriegszeit in England; inoffiziell aber Kontinuität der alten Eliten und des Herrenmenschentums mit seinen alten Seilschaften und Netzwerken: "Leute, die von früher was verstehen" (Konrad Adenauer) (DER SPIEGEL 4: 100 vom 21.01.2013).
Die Zeit heilt viele, aber nicht alle Wunden; und das ist gut so. Würde man aber Unrecht rechtzeitig öffentlich aufarbeiten, indem man ehrlich reinen Tisch macht und es personalisiert benennt, könnte man mit dieser Art Einsicht/Selbstkorrektur/Selbstläuterung - das kann der Beginn von Reflexion, Bedauern, Mitleid, Trauerarbeit und Sühne sein - Wunden schneller und besser heilen und für mehr politischen Frieden sorgen; das ist es doch, worum es im öffentlichen Zusammenleben in erster Linie geht.
Unvergessen bleiben mir die schwierigen Verhältnisse zu kriegstraumatisierten Vertretern der Täterseite, die vorübergehend meinen Lebensweg teilten und die mir bis in alle Zukunft unzugänglich geblieben sind, weil auch kein "Wandel durch Annäherung" möglich war.
Freilich kam beim Thema Kriegsschuld immer wieder verrohtes Gebrüll, hysterisches Toben und der giftig-grobe Vorwurf: "Halts Maul und hör auf zu moralisieren; kannst ja gar net mitredn, warst ja damals net dabei." Deshalb nun zur Frage, was aus mir geworden wäre, hätte ich damals gelebt: Ich denke, mir wäre es damals ebenfalls schlecht ergangen, weil ich schon in jungen Jahren zu Individualismus neigte und gerne freier gelebt hätte. Andererseits wird mir bange, weil ich auch um meine Begeisterungsfähigkeit, Beeinflußbarkeit, meinen Gemeinschaftssinn und meine Selbstunsicherheit als Kind und Jugendlicher nur zu gut weiß. Sicher ist, dass diese Zeit, hätte ich sie direkt erlebt und überlebt, mich als empfindsamen Menschen für den Rest meines Lebens in unlösbare Moral- und Gewissenskonflikte gezwungen hätte. Ich bin nicht so unfair und fasele töricht von der "Gnade der späten Geburt" (Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl). Ganz im Gegenteil: Ich bedauere es fast, dass ich damals noch nicht da war und meinen Kopf deshalb nicht aufs Schafott bzw. in die Schlinge legen konnte für die Werte Humanität, Fairness, kritische Toleranz, Menschenwürde und Sittlichkeit.
Es wäre vieles besser und friedlicher, hätte man trotz des Zwangs zur kollektiven Beschweigung die NS-Zeit Murnaus und Umgebung schon aufgearbeitet und sich somit politisch und kulturell zukunftsfähig gemacht:
- Max Dingler hätte nicht über 30 Jahre als Namenspatron für eine Murnauer Schule gestanden;
- Tätigkeiten und Einfluß ehemaliger Karrieristen der Region, von NS-Parteigrößen, ihren Geldgebern und Förderern, die im Werdenfelser Land ihre Villen hatten, wären durchleuchtet worden.
Es wäre aus dieser Zeit mehr bekannt über die
- Rolle der regionalen katholischen Pfarreien sowie der Verwaltungs-, Polizei- und Justizbehörden;
- NS-Bau- und Siedlungstätigkeit;
- kulturellen und pädagogischen Einrichtungen;
- Zwangsarbeiter in sogenannten kriegswichtigen Betrieben (Hartsteinwerk Werdenfels bei Eschenlohe: 100 Personen; Messerschmitt bei der Kaserne in Oberammergau [350 Personen; mit unterirdischer Forschungsstätte (Stollenbau) des "Jägerstabs" zur Entwicklung eines Hochgeschwindigkeits-Strahljägers] und in den 60m und 227m langen Olympia-Straßentunnels bei Eschenlohe: 380 Personen; Flugzeugmontageanlage mit 30cm dicker Betonschicht gegen Bombentreffer) (in: Nerdinger, Winfried 1993: Bauen im Nationalsozialismus Bayern 1993-1945: Seiten 437, 452, 514-537) und in der Landwirtschaft,
- Gefangenen in KZ-Aussenlagern bei Seehausen am Staffelsee (ab 1943 drei Aussenlager des KZ Dachau: Häftlingsarbeit für die Feinmechanische Werkstätte Ing. G. Tipecska und Dr. Jung; Muck, Uffing), bei Bad Bayersoien (Aussenlager des KZ Dachau: Häftlingsarbeit für die Parteikanzlei) und bei Garmisch-Partenkirchen (16 Häftlinge; ab 1944 Aussenlager des KZ Dachau: Häftlingsarbeit (Lazarettbau) für die Zentrale Bauleitung der Waffen-SS) (in: Nerdinger, Winfried 1993: Bauen im Nationalsozialismus Bayern 1993-1945: Seiten 514-537);
- Euthanasieopfer der Region (z. B. Kreszenz Schmid *04.07.1877 Seehausen †04.02.1941 Hartheim, Georg Schöpfer *16.04.1921 Moosrein †06.02.1941 Hartheim);
- im KZ Ermordeten der Region (z. B. Augustin Sper *20.01.1899 Unterammergau †26.03.1940 KZ Dachau, Anton Bermanseder *31.03.1903 Kohlgrub †14.03.1939 KZ Dachau) (Verzeichnis der Urnen von Opfern des Nationalsozialismus im Friedhof Perlacher Forst; Buch 1-3939; Bayerische Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Seen, 28.08.1958);
- Personen, die deportiert und deren Eigentum und Vermögen arisiert wurden;
- Personen, die in die Emigration gezwungen wurden (z. B. James Loeb, Ödon von Horvath),
- Personen, die sich dem System widersetzt haben, wie z. B. der Lehrer Dr. Leopold Huber aus Murnau;
- Personen, die nach 1945 ihren Schweigeschwur brachen und deshalb ermordet wurden.
Es könnte auch ein Murnauer NS-Dokumentationszentrum entstanden sein, in dem die Verstrickungen des gesamten Oberlandes in die NS-Zeit aufgearbeitet, d. h. erforscht und in Schriften- sowie Vortragsreihen verbreitet werden. Die Schaffung einer solchen Einrichtung an einem authentischen Ort wäre doch ein sorgfältig überlegter, wohlgesetzer und somit vertrauensbildender Kontrapunkt zur ehemaligen NS-Hochburg Murnau am Staffelsee. München hat es doch auch geschafft, als ehemalige "Hauptstadt der Bewegung" ein NS-Dokumentationszentrum zu gründen. Freiheitliche Demokratie braucht permanente Erinnerungsarbeit (Kultusstaatssekretär Bernd Sibler in Freiheit und Recht, Juni 2013/1: Seite 19).
Zur irritierend verspäteten NS-Aufarbeitungsinitiative (15.12.2011) des Murnauer Marktgemeinderates: Wie hätte Ödön v. Horvath, der die unsittliche und inhumane Zeit bis 1938 durchmachte, diese politisch vollkommen verkrampft und zwanghaft wirkende Maßnahme kommentiert? Möglicherweise so: "Typisch Murnau!", "Typisch Oberland!" Ich meine, dass Murnau einen zweiten Horvath braucht.
Meine Meinung ist, dass es betreffend authentischer Aufarbeitung von Unrecht ein Zeitfenster gibt, in dem sie voll wirksam ist und somit befriedet und versöhnt. Edith Raim (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin) meint, dass die Phase der Aufarbeitung ("Vergangenheitsbewältigung") in den siebziger Jahren abgeschlossen war. Kein Ehrlicher sagt nach mehr als fünf Jahrzehnten "Tut mir leid, was geschah", weil man die Geschädigten nicht fortgesetzt erniedrigen und seelisch quälen kann, indem man sie über Jahrzehnte ignoriert und im Ungewissen warten lässt; kein Vernünftiger verhindert über 60 Jahre das Lernen aus Fehlern. So schließe ich mit der ernüchternd trivialen Feststellung, dass Murnau die Frist, in der eine rechtzeitige und somit voll wirksame Aufarbeitung ihrer NS-Zeit möglich gewesen wäre, fast tatenlos verstreichen hat lassen; das ist endgültig und irreversibel. Dies war bestimmt nicht hilfreich, den aktuellen Rechtsradikalismus einzudämmen. In dem Zusammenhang erstaunt es nur mehr wenig, dass genannter Gemeindratsbeschluss erst sechseinhalb Jahre nach Gründung des von Gymnasiasten und ihren Eltern initiierten Werdenfelser Bündnisses gegen Rechts gefasst worden ist. Ich interpretiere diese Gründungsinitiative als politischen Indikator, der bedeutet, dass der Staat seine Bürger nicht mehr ausreichend vor Rechtsextremismus schützt und die Bedrängten sich deshalb selbst schützen, indem sie sich in einem Bündnis organisieren. Murnau ist, indem es den point of no return betreffend NS-Aufarbeitung fast tatenlos überschritt, politisch ärmer und farbloser geworden, weil authentische Aufarbeitung der NS-Zeit Teil bundesdeutscher Identität ist (Infoheft Geisteswissenschaften im Dialog - Veranstaltungen 2007-2010: Seite 9; Leibniz Gemeinschaft). "Wer zu spät kommt, den straft das Leben." (Michail Gorbatschow).
Andere hingegen meinen, dass es nie zu spät ist zur Aufarbeitung, die dann aber nicht mehr vollwertig sein kann. Ehren Sie endlich all die NS-Opfer der Region, indem Sie ihnen wieder Namen und Geschichten geben und sie dabeisein lassen, indem Sie Gedenkbücher und Gedenkstätten schaffen; erinnern Sie daran, warum und wie sie an den Orten unmenschlichen Geschehens sterben mussten! Stellen Sie sich der Wahrheit. Eile ist geboten und vieles - siehe oben - ist noch aufzuarbeiten. Probleme sind nicht dazu da, sie zu prokrastinieren, sondern sie möglichst bald zu lösen (Sir Ernest Henry Shackleton).
Zudem schlage ich das Folgeprojekt "Meta-Aufarbeitung" vor: Die neue Aufarbeitung der alten Aufarbeitung oder die ehrliche Aufarbeitung der gescheiterten Aufarbeitung: Erforschung, Beschreibung, Erklärung und Nennung der Umstände, Kräfte und Personen, die einen rechtzeitigen Marktgemeinderatsbeschluß "Aufarbeitung der Murnauer NS-Zeit" verhinderten, was zu einer Verzögerung von 66 Jahren, 7 Monaten und 7 Tagen (gerechnet ohne die zusätzlichen Tage aus Schaltjahren) führte.
Abschließend ein letzter Punkt: Bitte prüfen Sie, ob die im letzten Foto auf dem Flyer abgebildeten Personen tatsächlich polnische Zwangsarbeiter in Murnau 1943/44 waren; ich meine nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Hubert Engelbrecht

Lit.: Politische Studien 443; 63. Jahrgang, Mai-Juni 2012: Neue Dimensionen des Rechtsextremismus. Hrsg.: Hanns Seidel Stiftung, München.

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Out of Murnau: Da keinerlei brauchbare Reaktion der Angeschriebenen erfolgte, wende ich mich von diesem Dunkelort mit Ekel und Grausen ab. Dunkelmurbraunau.

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Ergänzende Ausführungen, Feststellungen und Behauptungen:
1. Die "blendend schwarze Supernova des Nationalsozialismus" (frei nach Claude Lanzmann, in: DIE ZEIT 46: 49-50 vom 07.11.2013) steht für alles erdenklich Schlechte und Negative, worauf der politische, soziale und kulturelle Entwicklungsstand einer Gesellschaft reduziert werden kann; das nationalsozialistische System hat das Schlechte und Böse im Menschen in Gesetze, Normen und Verordnungen gegossen, sodass alles Schlechte im Menschen politischer, gesellschaftlicher und kultureller Alltag wurde. Nationalsozialismus ist jeglicher Zivilisation entblöst und ist bislang wohl die Verwerflichste aller Staatsformen und steht für Korruption, Unsittlichkeit und Anstandslosigkeit, Schamlosigkeit, Denuntiantentum, Opportunismus, Alltäglichwerden und Bagatellisieren des Lügens, Nepotismus, Unterdrückung, Intransparenz, Verlust der Freizügigkeit und der Selbstbestimmung, Niedergang der Lebensqualität, Lohnrückgang, Intoleranz, Unvernunft, Verblendung, Rassismus, Anullierung der Frauenrechte, weltanschauliche Diskriminierung, Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Inhumanität, Gleichgültigkeit, Vermassung, Mitläufertum, seelische und moralische Verrohung, entgrenztes Nützlichkeitsdenken, Zwangssterilisation Erbkranker, Euthanasie ("Gnadentötungen"): lebensunwertes Leben, Volksschädlinge, Deutsche Zucht und Ordnung, Maßlosigkeit, rücksichtslose Expansions- und Vernichtungspolitik, Ausstieg aus dem Völkerbund, Militarismus, Mobilmachung, Kriegstreiberei, Angriffs- und Vernichtungskriege, Nerobefehl (verbrannte Erde), Standgerichte, Kriegsrat, Kommissarbefehl, Massenlizenzen zum Morden, Raub und Vergewaltigungen, Pogrome, Reichsfluchtsteuer, Nacht- und Nebelaktionen, Totalitarismus, "Schutzhaft", Willkür ("wer Jude ist, bestimme ich!"), systematischen Terror, Parteilichkeit und Abhängigkeit der Legislative, Exekutive und Jurisdiktion, Wiedereinführung und Massenanwendung von Folter und Todesstrafe, grausame und erniedrigende Hinrichtungsarten (Strangulation, Guillotinierung, Vergasung, etc.), Extremismus, Brutalisierung, Verlust der Verhältnismäßigkeiten, Beuge- und Folterhaft, Sippenhaft, kollektive Erpressung, Mißbrauch von Steuergeldern, Verlust der Grundrechte, der Individualität und der Privatsphäre, Massenüberwachung, Ausgangssperre, systemische Komplettvereinnahmung, Ungleichwertigkeit der Menschen: Herrenmenschen - Untermenschen - Tiere, Zerstörung kultureller und politischer Vielfalt, Vernichtung von Intellektualität und absichtliche Erzeugung von Dummheit: Volksverdummung und -verhetzung, Antritt zum Gruppentanz in Hakenkreuzformation um eine Fahnenstange, an der eine Hakenkreuzfahne hing, Naturzerstörung (Reichsautobahnbau, Trockenlegung von Moorgebieten, Bau-Gigantismus, etc.), Anwesenheitspflicht bei öffentlichen Hasspredigten, Treueschwur der Jugend auf Thingplätzen: "Wir sind geboren, um für Deutschland zu sterben." Beflaggungs- und Spendenzwang, Eintopf, Niedergang und Verflachung kultureller Tätigkeit, Strangulation geistiger Freiheit, Einseitigkeit, "Gleichschaltung", Volksempfänger, Beendigung der Freiheit von Kunst, Schriftstellerei und Wissenschaft sowie ihre Totalverzweckung, Schaffung eines "Kuratoriums der Gottbegnadeten" - die für den Frontdienst unabkömmlich waren - und einer Sonderliste mit überragendem nationalem Kapital, "entartete" und "Deutsche" Kunst, "Deutsche" Physik, "Jüdische" Physik, Bücher- und Bilderverbrennung, "Reichskristallnacht", KZs, Menschenexperimente, Vergasungsbusse, Bunker, Menschenbouillon, industriellen Massenmord, Gaskammern, Massengräber, Verhungernlassen von Kriegsgefangenen, Vernichtung durch Arbeit, Krematorien, Scheiterhaufen, Lampenschirme aus Menschenhaut, Matratzen- und Kopfkissenfüllungen aus Frauenhaar, Massenerschießungen, Knochenmühle, Genozid, Extremzynismus (e. g. "Arbeit macht frei", "Jedem das Seine"), Kugelbefehl, Zwangsarbeit, grenzenlose Dummheit, Diskrimierung Homosexueller, Infamität, Abwanderung der Intelligenz, verqueres Pflichtverständnis, Potjomkin'sche Dörfer, generalisierte Angst und generalisierter Hass, Leben in Aufruhr, Alltäglichwerdung des Raubens, Mordens und vielen anderen Formen gewaltsamen Sterbens, Macht- und Gewaltexzesse, die Nacht der langen Messer, Bruch von Staatsverträgen, permanente Ausweiskontrollen, Rechtsbeugung, Justizmord, ethischen Kollaps, Arbeits- und Berufsverbot, Enteignung und Deportation, Arisierung, Unfairness, Denkverbote, Manipulation, Gehirnwäsche, Indoktrination, politische Isolation, Zensur, Mißbrauch der Medien, Mißbrauch industrieller Produktionsmöglichkeiten (militärische Aufrüstung), Mißbrauch des Heldentums und des Patriotismus, Mißbrauch von Sport und Alpinismus, Mißbrauch der Begriffe Heimat, Blut und Boden, Gewinn von Lebensraum durch Umvolkung in Osteuropa, Versachlichung und Vernutzwertung des Menschen (Menschenmaterial), Verzweckung der Humanfertilität (Ersatz für verbrauchtes "Kanonenfutter"), Fleischwolf (Munition ist wichtiger als Soldat), "Gebärmaschinen", Mutterverdienstkreuz, Diskriminierung und Ächtung Kinderloser, Entwertung und Entwürdigung des Lebens, Abkindern, "Lebensborn", beliebige Ersetzbarkeit / Austauschbarkeit der Menschen, Zerstörung familiärer Strukturen, galoppierende Staatsverschuldung, Herabwürdigung des Menschen mittels seiner Funktionalisierung in den Mühlen des NS-Systems; die Folgen für die Bürger des "Tausendjährigen Reiches" und ihrer Abkömmlinge waren u. a. Sirenenalarm, Stalinorgeln, D-Day, Kinderlandverschickung, Lebensmittelmarken, Verdunklungsverordnung, moral bombing, Ersticken in Luftschutzkellern, Tod durch Druckwellen, Feuer und herabstürzende Gebäudeschuttmassen, Steckrübenwinter, Verhungern, Frostbeulen, Erfrieren, das stark erhöhte Risiko von Atombombenabwürfen über der Reichshauptstadt Berlin und der Hauptstadt der Bewegung München, Volkssturm, zehner Millionen Tote, zerstörte Infrastruktur, "bedingungslose Kapitulation", Verlust der Staatssouverenität, Anarchie, Vertreibungen, Erschießungen, Vergewaltigungen, Gefangenschaft und Zwangsarbeit, Persilscheine, Entstehung von zehner Millionen Lebenslügen (Beispiele: "Wenn das der Führer gewusst hätte", "Wir haben davon nichts gewusst und haben nichts gesehen", "Und ihr habt doch gesiegt", etc.), Reichsbürger, Wirklichkeitsverweigerung, negative Resilienz, Immunisierung gegen Vernunft, Gültigkeit der VGH-Urteile bis 25.01.1985, Rückerstattung von Raubkunstobjekten an die Enteigner, Gültigkeit der Unrechtsurteile der NS-Militärgerichte bis 2002, Leugnung des "Kernverbrechens Auschwitz", mit Bulldozern zusammengeschobene Leichenberge, die wegen Seuchengefahr verbrannt werden mussten, "Befehlsnotstand", "Putativ-Notwehr", Rückwirkungsverbot, Verdrängung, "Schlußstrichdebatte", Teilung Deutschlands, Katalyse des Kalten Krieges, Wiedereinstellung von NS-Juristen und NS-Bürokraten, Pflege alter Seilschaften, Geschichtsklitterungsversuche durch braune Historiker, wachsende Gerechtigkeitsdifferenzen, breite Diskussion über die rechtliche Zulässigkeit öffentlicher antisemitischer Äusserungen und letztendlich Ewige Schande. Hier ist er, der kulturelle und humanitäre absolute Nullpunkt, symbolisiert u. a. durch das von Peter Eisenmann konzipierte und am 10.05.2005 eröffnete Holocaust-Mahnmal in Berlin, das für ein wegen ungezählter Grausamkeiten und Perversionen nie abschließbares Kapitel der Menschheitsgeschichte steht. Solche vorübergehenden politisch-gesellschaftlichen Zustände nicht aufgearbeitet zu haben, bedeutet nichts anderes, als einen liegengelassenen Riesenhaufen von moralischem Müll und Unrat zu kaschieren oder zu ignorieren. Vieles davon ist aber schon Allgemeinwissen geworden. Somit empfinde ich den Titel der Veranstaltung "Warum macht es Sinn, die NS-Vergangenheit aufzuarbeiten" am 22.11.2013 in seiner Unzeitgemäßheit und dumm-dumpfen Banalität als empörend, kränkend, verletzend und provokant. Gedanklich leicht zu begreifende, weil moralisch selbstverständliche Handlungen bedürfen keiner Begründung oder Anleitung zu ihrer Ausführung durch ein Expertengremium samt einer Arbeitsgruppe. Der Veranstaltungstitel legt erstaunlicherweise den Gedanken nahe, dass die angesprochenen Zielgruppen diesbezüglich noch wesentlichen Informationsbedarf haben könnten. Der Veranstaltungstitel verletzt alle Opfer der NS-Zeit ein weiteres mal. So werde ich an dieser Informationsveranstaltung nicht teilnehmen.
(Notabene: Dies geschieht auch noch aus einem weiteren Grund: dieser besteht in der Tatsache, dass die Institution, welche die Räumlichkeit für die geplante Podiumsdiskussion zur Verfügung stellte, selbst in einer anderen Angelegenheit noch nicht aufgearbeitet hat: und das betrifft den Teil ihrer eigenen Geschichte, in dem unnötige verbale und psychische Gewalt gegen Erziehungsbefohlene wiederholt und ungestraft praktiziert wurde: nämlich die jahrzehntelang von Erziehungsbeauftragen ausgeübten, pädagogisch vollkommen ungeeigneten, unverhältnismäßigen, schädlichen und kontraproduktiven Maßnahmen und Verhaltensweisen wie Strenge, Rohheit, Anbrüllen, Lächerlichmachen ("Steig doch mal runter von Deiner langen Leitung!"), Bloßstellen, Ängstigen, Ungeduld und viel zu hohes, rücksichtsloses Arbeitstempo. Solange keine für die große Gesamtheit der Beeinträchtigten, für die ich hier stellvertretend spreche, akzeptable Aufarbeitung dieser Angelegenheit (ein Viel-Zu-Viel an rabenschwarzer Pädagogik) stattgefunden hat, bleibt diese Einrichtung für mich weiterhin das, was sie für mich geworden ist: eine no-go-area).
Nationalsozialismus ist in seiner Grauenhaftigkeit, Brutalität, Unmenschlichkeit, Perversion und Grausamkeit ist das bislang beste Lehrstück über alles suprem Böse und Verwerfliche im Menschen: er steht bis dato für absolutes Maximum an Leid und Unheil, was ein in diesem System funktionalisierter Mensch anderen Menschen zuzufügen im Stande ist: ein "präzedenzloses Weltverbrechen" (Charlotte Knobloch am 06.12.2013). Der Begriff Nationalsozialismus als solcher - sein Wortlaut - erscheint mir in seiner Ausdruckslosigkeit und Schlichtheit als Euphemismus; für das, was NS real bedeutet (siehe oben), sollte inzwischen ein treffenderer, ausdrucksstärkerer Begriff geprägt worden sein; aber eine Umbenennung, d. h. Konkretisierung der Benennung genannten politischen Systems blieb bis dato leider aus.
2. Es bleibt bis auf weiteres schwer verständlich, warum im Landkreis Garmisch-Partenkirchen erst sehr spät und dann nur ganz wenige Persönlichkeiten der Region für ihren Widerstand gegen das NS-Regime geehrt worden sind, wie z. B. Anna Zahler (*1903 †1964), die dem verfolgten Herrn Prof. Albrecht Haushofer - Geograph, Schriftsteller und Widerstandskämpfer - bei Mittergraseck oberhalb Garmisch-Partenkirchen Zuflucht bot. Es gäbe einige weiterer Kandidaten wie z. B.
-Hans Schilcher (*1901 †1968), Pächter des Staatsgutes Guglhör 5 km östlich des Marktes Murnau am Staffelsee: er versteckte und versorgte dort in der Schlußphase des 2. Weltkrieges einen Funker des Office of Strategic Services, der vom 18.-23.04.1945 Nachrichten an die Alliierten schickte. In: Diem, Veronika (2013): Die Freiheitsaktion Bayern - ein Aufstand in der Endphase des NS-Regimes; Seiten 122-131; Münchner Historische Studien, Abteilung Bayerische Geschichte; Band 19. Hrsg.: F. Kramer. Verlag M. Lassleben, Kallmünz.
- Dr. Leopold Huber, der seine antinazistische Haltung öffentlich lebte (Tworek, E. & Salmen, B. 2001: Ödon von Horvath. Ein Kulturführer des Schloßmuseums Murnau).
- Walter Specht-Fey: Student cand. med. und cand. jur. aus Seehausen am Staffelsee, der aus seiner Nichtkonformität mit dem NS-System kein Geheimnis machte, was damals "Schutzhaft" und Einlieferung ins KZ Dachau zur Folge hatte. Aus: - Tworek, E.1993: Ödon von Horvath . Schloßmuseum Murnau; Hrsg.: Markt Murnau, S. 221-244. - Staatsarchiv München LRA 192196.
3. Qualität - hier Gründlichkeit, Korrektheit und Ehrlichkeit - sowie Schnelligkeit der Aufarbeitung eines politischen Terror-, Gewalt- und Unrechtssystems sind Gradmesser für Zivilisiertheit, Gerechtigkeitssinn und humanitären Entwicklungsstand des politisch-gesellschaftlichen Nachfolgesystems. Es ist eine Tatsache, dass in Murnau am Staffelsee die offizielle Aufarbeitung der NS-Katastrophe erst 66 Jahre, 7 Monate und 7 Tage nach dem Ende des 2. Weltkrieges begonnen worden ist. Dies bedeutet, dass das Nachfolgesystem samt seinen politischen Vertretern über den größten Teil dieser langen Zeit offiziell nicht genügend geistige Distanz zu NS-Gedankengut geschaffen hat. Eine Verzögerung von diesem enormen zeitlichen Ausmaß kann verursacht worden sein durch Indifferenz oder durch dauerhaft wirksame, nachhaltige Einflußnahme einer kaschierten, weil dementsprechend politisch orientierten Interessengemeinschaft. Die Programme zum "Tag des offenen Denkmals - jenseits des Guten und Schönen; unbequeme Denkmale?" am 08.09.2013 und zum "Tag des offenen Denkmals" am 14.09.2014, 13.09.2015 und 11.09.2016 im Landkreis Garmisch-Partenkirchen weisen erneut in diese Richtungen: denn ihre ganz absichtlich unpolitisch gestalteten Programminhalte zeigen, dass trotz des NS-Aufarbeitungsbeschlusses des Marktgemeinderates Murnau vom 15.12.2011 in Wirklichkeit weiterhin keinerlei Interesse an seiner Realisierung besteht. Folgen ungenügender politischer Aufarbeitung sehe ich z. B. A: im Bürgerentscheid vom 21.04.2013 in Garmisch - Partenkirchen, in dem eine Mehrheit von 89,3% für eine Beibehaltung der Bezeichnung Hindenburgstraße gestimmt hat. B: in der Tatsache, dass der historische und NS-belastete Begriff "Gau" immer noch gebräuchlich ist: Trachtengau, Gaumedaille, Gau-Singen, Gaufest, etc.. Diese sonderbaren Umstände machen es verständlicher, warum damals zu meiner Gymnasialzeit der Roman "Deutschstunde" von Siegfried Lenz nicht im Bildungsprogramm dieser Einrichtung stand. Und wegen der permanenten Geschichtlichkeit in jeder Gegenwart kann es nie eine Stunde Null gegeben haben und wird es nie einen Schlußstrich geben: "Wer Vergangenheit und Gegenwart entzweit, verliert die Zukunft" (W. Churchill). "Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen" (William Faulkner).
4. Aufarbeitung nur den Wissenschaftlern zu überlassen (so die Meinung eines Bürgermeisters bei der Diskussion in der Veranstaltung "Die Hitler kommen" (29.05.2013) und einer Marktarchivarin in Merkur online vom 04.10.2013), greift viel zu kurz. Deshalb hier der Vorschlag eines verbesserten Aufarbeitungs-Konzepts: Hier kommt man nur voran und erreicht den notwendigen Tiefgang, wenn die damit befassten Historiker zusätzlich einschlägige und originale Information aus der Bürgerschaft der Region erhalten: denn es sind alle betroffen und alle müssen persönlich daran arbeiten, um die Schädlichkeit des NS-Systems in seiner Gänze darzustellen, damit daraus gelernt werden kann. Es nutzt wenig, wenn nur die Wissenschaftler aufarbeiten, die Bürger aber nicht. Eine nachhaltige und breitenwirksame, gründliche Aufarbeitung kann man nur dann erreichen, wenn sich alle mit dem NS-Problem intensiv auseinandersetzen und darüber nachdenken; dazu gehört freilich auch das "Eingemachte": nämlich das, was im familiären bzw. regionalen Umfeld geschah. Herr Werner Kraus hat dafür mit seinem Anti-NS- und Antikriegsbuch "Karl der Kleine" (2003) ein hervorragendes Beispiel geschaffen, wie man reflektierend über sich selbst die damalige Zeit aufarbeitet. Jeder/Jede kann z. B. die NS-Verstrickungen seiner/ihrer Vorfahren aufschreiben, wenn darüber im Familienkreis erzählt wurde oder sie in Archiven recherchieren, so wie ich es getan habe, weil darüber daheim fast nichts berichtet wurde. Diese Informationspakete werden dann den Historikern überbracht, die sie sammeln, nachprüfen, ordnen, interpretieren und in einen übergeordneten Kontext stellen. Verbessert werden könnte der Informationsfluß auch durch ein von den Historikern betreutes Onlineportal, in das die Bürger substantiierte Berichte bzw. Erkenntnisse eingeben können.
So hat z. B. Oskar Gröning, Buchhalter im KZ Auschwitz aufgearbeitet, indem er "um Vergebung bittet" wegen seiner Mitschuld an den Massenmorden, was er "mit Demut und Reue bekennt" (DER SPIEGEL 18: 46-48 vom 24.04.2015). Auch auf russischer Seite ist aufgearbeitet worden: indem z. B. der Veteran und Schriftsteller Daniil Alexandrowitsch Granin seine Erkenntnis niederschrieb und veröffentlichte, dass er als Soldat im Einsatz gemordet hat (DIE ZEIT 19: 08 vom 07.05.2015).
"Wer sich weigert, der historischen Wahrheit ins Gesicht zu sehen, läuft Gefahr, sich selbst in Schuld zu verstricken. Denn womöglich hilft er dabei mit, ..... dass sich Geschichte wiederholt..." (Konrad O. Bernheimer 2013: 315: Aus dem Leben einer Künstlerdynastie, Hoffmann und Campe). Robert Hébras, Zeitzeuge des Massakers vom 10.06.1934 in Oradour-sur-Glane, nennt es "Pflicht zur Erinnerung". Die Position "If we ever remember, we never get peace" (Guldborg Chemnitz 1919-2003) ist schlichtweg töricht.
5. Die stille Herrschaft und ihre problematische politische Kontinuität: die Tatsache, dass über 50 Jahre bis 2014 stets dieselbe Partei in Murnau am Staffelsee die Regierungsmacht stellte, war der Qualität der örtlichen demokratischen Verhältnisse und des pluralistischen Miteinanders sehr abträglich: dort verblieben nach 1945 das politische Leben und die lokale Medienlandschaft über Jahrzehnte undifferenziert, einfarbig und alternativlos; sie tun sich bis heute immer noch sehr schwer, sich ins Bunte und Diverse zu entwickeln und dort zu verbleiben. Die - wohl unterwanderte - Opposition verblieb in der Bedeutungslosigkeit. Meinungsfreiheit und Demonstrationsrecht werden weiterhin unterdrückt (SZ 17: R17 vom 22.01.2015). Es macht vom demokratisch-pluralistischen Politikverständnis her gesehen keinen Sinn, wenn länger als ein halbes Jahrhundert Vertreter immer derselben Partei angeblich immer die besseren Ideen und Lösungsvorschläge für jedes Problem hatten und deswegen von angeblich frei entscheidenden Bürgern immer wieder den Regierungsauftrag bekamen. Es ist so, als wäre dieselbe Partei über all die Jahrzehnte an der Regierungsmacht geblieben; und das geschah trotz des Grundsatzes, dass in der Demokratie Macht nur auf Zeit verliehen wird. Hier ist es, das lange Elend der Unterdrückung, des Stillstandes, der Trägheit, der Stagnation und des heimlichen Filzes, der dort inzwischen wohl jede Partei erfasst hat: öffentliche politische Auseinandersetzungen sind in Wirklichkeit nur gut eingeübte vordergründige Theaterinszenierungen, die das wesentliche Geschehen im Hintergrund verdecken sollen. Politik ohne ehrliche und echte Opposition verkommt, degradiert. Je länger aber eine pseudopolitische Kontinuität dieser Art besteht, desto unglaubwürdiger wird die angeblich demokratisch - pluralistische Basis und Legitimität des Systems, das sich letztendlich wegen seiner Unfairness, Demokratieheuchelei und Falschheit selbst demontiert und zerstört. Wie unehrlich, sich mit den Namen großer Künstler, Architekten, Schriftsteller und dem eines Widerstandskämpfers stolz zu schmücken, indem man diese Namen für Werbezwecke und die Bezeichnung öffentlicher Einrichtungen verwendet, die geistigen Vermächtnisse dieser Menschen jedoch in Wirklichkeit nicht wertschätzt und umsetzt. Wie treffend, wenn sich in der Nachbarschaft dieses Ortes eine wegen unkooperativen Verhaltens vorzeitig entlassene Historikerin und Gründungsdirektorin eines NS-Dokumentationszentrums ansiedelt, die eine ganz und gar überflüssige Stiftung zur Förderung und Dokumentation von Zivilcourage stolz ins Leben gerufen hat.
Nageltest G7/2015: Im zeitlichen Vorfeld und während des G7-Treffens in Elmau (07.-08.06.2015) wurde es dank internationaler Medienpräsenz vor aller Welt offenbar, dass im "Oberland" die Versammlungsfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung, Freizügigkeit und das Demonstrationsrecht nur mit großem Widerwillen "toleriert" werden, wenn dies eine politische Seite einfordert, die dort unbequem erscheint und unterdrückt wird. So war im Vorfeld in den Lokalmedien mehrmals die Rede davon, dass im Umkreis des Tagungsortes keine Zimmer oder Flächen für Camps an Demonstranten vermietet werden dürfen (mit Drohungen gegen zuwiderhandelnde Bürger: "Heimatverräter!") und dass man gegen solche Demonstranten am besten mit Gülle vorgeht. Lokalbehördlicherseits war präventiv schnell ein Demonstrationsverbot erlassen, eine sehr weit gefasste Sicherheitszone mit kilometerlangem Stacheldrahtzaun ausgewiesen, ein Sternmarsch zusammengestrichen und die Nutzung einer Fläche als Camp verboten worden. Diese Maßnahmen, ergänzt um den Aufmarsch von ca. 20.000 Einsatzkräften, wurden lokalbehördlicherseits als "Deeskalation durch Stärke" gepriesen. Zudem wurde in den Medien vorab verbreitet, dass friedliche Demonstranten in München ihre Meinung kundtun, nach Garmisch aber hauptsächlich "gewaltbereite Elemente" kämen. Zitat: "Hab und Gut vor Krawallmachern schützen!" (Kreisbote GaP 23: 01 vom 03.06.2015). Das waren provokante Maßnahmen und pauschale Vorverurteilungen. Es war hingegen eine dem politischen Frieden förderliche Maßnahme, dass die übergeordnete Verwaltungsbehörde das Nutzungsverbot der Fläche als Camp stornierte. Siehe auch: SZ 126: R9 vom 05.06.2015: "Nachhilfe-Stunde in Demokratie"). Das Zahlenverhältnis von Einsatzkräften/Demonstranten betrug ca. 7/1. Aus dieser einschüchternden Überzahl folgt, dass das freie Demonstrationsrecht unterdrückt worden ist. Eine Folge davon wird sein, dass bei ähnlichen zukünftigen Anlässen die Demonstranten ihre Meinung unso lautstärker kundtun werden.
Ich selbst habe an anderer Stelle und zu einer anderen Zeit in dieser Gegend eine freie Meinungsäußerung wie folgt ordinär-verbal quittiert bekommen: "Du Sauhund, Dia zoag i's scho no!" (so brüllte mich in einer Fußgängerzone der höchste Würdenträger - vor einem Rathaus stehend - einer Marktgemeinde drohend an). Ich denke, es waren auch die verheerende Wirkung von 20 Jahren FJS samt seiner Infrastruktur, die solch einen ausfälligen Kommunikationsstil nach sich zogen (siehe Schlötterer, W. 2013: Wahn und Willkür; Heyne Verlag; siehe auch DER SPIEGEL 35: 12-25 vom 22.08.2015). Es ist wirklich "ein Glück, in Bayern zu leben", wie es im 248-seitigen G7-Elmau-Geschenkband 2015 steht.
6. Es ist absurd, dass die unter den Punkten 3. und 5. dargelegten bedenklichen politischen und medialen Verhältnisse in offiziellen Einrichtungen entwickelt und gesteuert worden sind, die der Bürger finanziell tragen muss und die durch zusätzliche Gelder vom Staat für "Kulturprogramme" gefördert werden. Es schadet der Offenheit einer Gemeinschaft und es wird Unrecht stabilisiert, wenn Staatsgelder in offizielle Einrichtungen fließen, deren Vertreter sich nicht ehrlich, voll und ganz für Lebendigkeit, Qualität und Erhalt von Demokratie und Pluralismus einsetzen: wo, um es wie Theodor Heuss zu formulieren, zu wenig demokratischer Anstand vorhanden ist. Dove cascato l’asino (wo der Esel stürzt): Sind es nur Schafe, die über Jahrzehnte hinweg ihre Metzger selbst wählen und deren Lebensunterhalte und sonstigen Programmkosten brav und gehorsam bezahlen? Es kann nicht sein, dass der Bürger per Steuergelder seine Unterdrücker selbst finanziert. Dieser Verzicht auf die Erfüllung demokratischer Normen bedeutet eine Selbstentmündigung des Bürgers. Diese Gemeinde hat sich einer Entwicklung in ein demokratisches politische System jahrzehntelang widersetzt und ist in alten diktatorischen Strukturen verharrt. Viele dieser Gemeinde wollten damals von den Alliierten nicht vom NS-System befreit werden. Politisch gesehen kann also diese Gemeinde nicht Teil der BRD sein: da sie demokratisch ungenügend qualifiziert ist, hat sie sich selbst aus demokratischer Gemeinschaft ausgeschlossen. Es wäre eine vernünftige Maßnahme übergeordneter kontrollierender Einrichtungen, fließende Staatsgelder so lange zu kürzen bzw. einzufrieren, bis die politische Situation in dieser Gemeinde nachweislich demokratische Normen erfüllt, die neutrale Einrichtungen gewissenhaft geprüft und gegebenenfalls bestätigt haben.
Die Tatsache, dass am 09.02.2014 ein Bürgermeister und sein Vertreter sich nicht persönlich vor ihre Bürger stellten, um sie aktiv vor der braunen Gefahr zu schützen, unterstreicht diesen Punkt in seiner Notwendigkeit; es ist bis dato noch kein Fall bekannt geworden, dass nur durch Ignorieren von politisch unrechtem Handeln sich eine Situation gebessert hat.
7. Aufarbeitung betrifft freilich nicht nur das Politische; sie sollte auch überall dort zeitnah stattfinden und somit für Befriedung und Ausgleich sorgen, wo Unrecht geschehen ist. Auf diese Art werden Konflikte und soziale Spannungen abgebaut sowie zwischenmenschliche Beziehungen wieder ins Lot gerückt. Auch hier hätte genannter Gemeinderat ein breitenwirksames Vorbild sein können, wenn er die offizielle NS-Aufarbeitung früher in Gang gesetzt hätte. "Beeilt Euch zu handeln, ehe es zu spät ist, zu bereuen" (Friedensnobelpreisträger Fridtjof Nansen). Keine Aufarbeitung führt zwangsläufig in den nächsten Krieg.
8. Die Diktatur erscheint vielen Bürgern attraktiver als die Demokratie, weil sie straffreies Ausleben negativer Eigenschaften und Verhaltensweisen des Menschen wie Trägheit, Vorteilnahme, Korruption, Gewinnsucht, Machtstreben etc. erleichtert; weil sie die Mühsal des fairen Dialogisierens, des geduldigen Zuhörens, gründlichen Nachdenkens und vernünftigen Aushandelns überflüssig macht; weil sie die Last des Denkens und der Verantwortung bei Entscheidungen durch Befehle ersetzt, denen angeblich immer blind gefolgt werden darf; weil sie das Vakuum der Orientierungslosigkeit in verbliebenen Freiräumen mit Entertainment und manipulativen Programmen füllt und somit Selbständigkeit und eigenständiges Denken auflöst; weil sie die für viele lästige oder gar unerträgliche Gleichheit aller vor dem Gesetz und dem Finanzamt durch Privilegien und Herrenmenschentum ersetzt und weil sie die Qual des sittlichen Teilens, Teilhaben lassens, der Gerechtigkeit, Gegenseitigkeit und der Rücksichtnahme abschafft.
In einer stetig komplexer werdenden Welt gewinnt das diktatorische System gegenüber dem demokratischen immer mehr an Anziehungskraft, weil es u. a. wegen Ausserachtlassung der Grundrechte sowie der humanitären und sozialen Standards einfacher strukturiert ist und deshalb Vielen attraktiver erscheint; und weil ein großer Teil der Menschen sich mit komplizierten Zusammenhängen in langwierigen Verfahren, wie sie Integration, Durchsetzung von Gerechtigkeit, Ringen um Wahrheit, Generationengerechtigkeit, Gewaltenteilung und Einhalten des Fairplay mit sich bringen, wegen Überforderung, Denkfaulheit, Feigheit, Selbstsucht und Bequemlichkeit nicht auseinander setzen wollen. Populisten ebnen dahin bereitwillig den Weg. Feingespür, Willenskraft und Geduldsfähigkeit sind zu oft unterentwickelt, auch weil ihre Förderungen bei der Erziehung vernachlässigt wurden. Ein echter Demokrat dröselt jeden gordischen Knoten beharrlich auf; ein Diktator macht es sich leichter, indem er nur einen Schwerthieb tätigt oder Kommando erteilt.
Abwärts spiralisierende Negativ-Synergien: - Diktatur passt zur aktuellen Form des Kapitalismus und des ökonomischen Totalitarismus besser als die Demokratie, weil beide weder humanitäre noch pazifistische noch selbstbeschränkende Eigenschaften betreffend die Macht der Wirtschaft und des Geldes sowie die Macht des Herrschers haben. - Weitreichende strukturelle Übereinstimmungen sind es, warum hinlänglich bekannte monarchistisch - absolutistisch organisierte Glaubensgemeinschaften besser zu Diktaturen als in demokratische Gemeinschaften passen: beide sind ihren Grundwesen nach autoritär, totalitär und intolerant, weil sie Andersdenkende isolieren oder gar auslöschen, auf diese Art Komplexität und Diversität minimieren, somit geistige Entwicklung begrenzen und ihre Macht festigen.
Die unbewusste Selbstauskunft der Menschheit ist über die Jahrtausende immer die gleiche geblieben, sie lautet schlicht und einfach: "... wir sind mit dem positiven System politischen Zusammenlebens - der Demokratie - überfordert, weil wir es nicht zuwege bringen, Haltung zu bewahren und beim Guten und Richtigen zu bleiben"; die Ereignisfolge menschlicher Versagensmomente beschleunigt sich und kann deshalb nie ein Ende finden. Andererseits darf man nie aufgeben: im übertragenen Sinn sehe ich das als Treideln der Rettungsschiffe Demokratie, Aufklärung, Bildung, Freiheit, Transparenz, Solidarität, Fairness, Toleranz, Moral und Humanität gegen konstant zerstörerische Gegebenheiten, Kraftfelder und Strömungen: das sind Dummheit und Korruption, Opportunismus, der Sog der Trägheiten und der Mahlstrom verwerflicher Gier und Gewalt. Der Kampf gegen die Trägheits-, Dummheits- und Gewaltkonstanten des Menschen darf nie aufgegeben werden, auch wenn diese Arbeit noch anstrengender ist als die der Burlaken an den Saumpfaden der Wolga.

Notabene: Albert Camus (1913-1960) sieht es so: "Wie soll man diesen Höllenkreis durchbrechen? Es ist klar, dass dies nur geschehen kann, indem wir von dieser Stunde an, in uns und rings um uns, den Wert der Freiheit erneuern und nie wieder darein willigen, dass sie - und wäre es vorübergehend - geopfert oder von unserer Forderung nach Gerechtigkeit getrennt wird. Für uns alle kann heute nur eine einzige Parole gelten: In nichts nachgeben, was die Gerechtigkeit betrifft, und auf nichts verzichten, was die Freiheit angeht. Insbesondere sind die paar demokratischen Freiheiten, deren wir noch teilhaftig bleiben, keine leeren Illusionen, die wir uns widerspruchslos rauben lassen dürfen. Sie stellen genau das dar, was uns von den großen revolutionären Eroberungen der letzten zwei Jahrhunderte verbleibt. Sie sind keineswegs die Verneinung der echten Freiheit, wie so viele listige Demagogen uns dies aufschwätzen wollen. Es gibt keine Idealfreiheit, die uns eines Tages mit einem Schlag geschenkt würde, so wie man am Ende seines Lebens seine Rente bezieht. Die Freiheiten müssen erkämpft werden, eine nach der anderen, und die uns verbleibenden sind nur Etappen, unzureichende, gewiss, aber doch Etappen auf dem Weg zu einer greifbaren Befreiung. Wenn wir einwilligen, sie abschaffen zu lassen, bringt uns das keinen Schritt vorwärts. Im Gegenteil, es ist ein Rückschritt, ein Rückzug, und eines Tages werden wir den Weg von neuem gehen müssen, aber dieser neue Kampf wird wiederum den Schweiß und das Blut der Menschen kosten" (In: Das Magazin der 5 plus 02/2013: 37 aus: A. Camus (1968) Verteidigung der Freiheit, rororo).

Dr. Hubert Engelbrecht

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