Jenseits
von Trauer, Angst und Ungewissheit:
Rückantwort, Kommentar und später Schlußstrich --
Leviten-Lesung in einem Offenen Brief
Musikalische Begleitung:
"Rape me". Kurt
Cobain, 1991, Nirvana
Ich habe Ihre schriftliche Antwort
erhalten und melde mich erst jetzt, Jahre später, da ich
lange nachdenke und vieles verwerfe, bis ich meine, ein
Satz sei inhaltlich richtig und ich könne ihn schreiben.
Inzwischen war sehr viel andere, vorrangige Terminarbeit
zu erledigen. Ausserdem besteht nach gut 40 Jahren fast
permanenter Sendepause kein Grund mehr zur Eile.
Prinzipiell war und ist für mich
alles, was mit Lebensfragen zu tun hat und
zwischenmenschliche Beziehungen betrifft, besonders
wichtig. All dies nehme ich sehr genau. Deshalb folgt
hier meine ausführliche Entgegnung - bestehend aus
Anmerkungen, Kritik und Ergänzungen - zu Ihrem Schreiben
auf meine Initiative, die alte Blockaden überwinden und
Vorurteile ausräumen wollte sowie einen Neubeginn
vorschlug. Weiter unten kommentiere ich dann auch das
Verhalten der Gruppe, in der wir uns damals befanden. Ich
zeige hier, wie grausam manipulierte Kinder, Jugendliche
und junge Erwachsene mit Schwächeren sein können und
welche immensen Schäden durch Langzeit-Mobbing
entstehen. Zudem geht es um die verheerenden Folgen von
- problematischen Erfahrungen in Kindheit und Jugend,
- seelischer Gewalt im Alltag,
- rücksichtslosem Konkurrenz- und Karrieredenken,
- Gleichgültigkeit und Sturheit,
- Wirklichkeitsverweigerung sowie
- antidemokratischen Strukturen in Gruppen.
Das nun folgende ist tatsächlich geschehen und keine
selbstmitleidvolle Übertreibung bzw. Selbstviktimisierung.
Einige der folgenden Passagen enthalten provokante
Vorwürfe und deutliche Meinungen. Das ist auch so
beabsichtigt; alles ist gut begründet. Ich stehe dazu
und sehe mein Schreiben nicht nur als persönliche
Anklage gegen ungesühnte Ungerechtigkeiten, sondern auch
als notwendige Reaktionen auf drängende
gesellschaftliche Mißstände. So darf es nicht
weitergehen.
Ganz klar meinte ich unter
Voraussetzung pluralistischer Lebensauffassung in meinem
vorangegangenen Brief: nur durch offenen und ehrlichen
Dialog können Pauschalurteile differenziert und
alteingefahrene, falsche Verhaltensweisen korrigiert
werden. Nur in einem konstruktiven und fairen
Miteinander, nicht in einem wortlos-sturen Nebeneinander
ad exitum kann man auf Dauer zusammen glücklich sein und
bestehen.
Mich erstaunt das von Ihnen mir
angebotene "Du", obwohl Ihrer Meinung nach damals in der
Zufallsgemeinschaft, in die wir eingereiht waren, wir "nur wenig
miteinander zu tun hatten", wie Sie mir schrieben. Es ist richtig, dass
wir all die langen Jahre bis zur Entlassung fast nie
miteinander sprachen sowie getrennte Freundeskreise und
Interessensgebiete hatten. Und es ist wahr, dass dies
jahrzehntelang sich bis heute fortsetzte. Deshalb bestehe
ich mit Nachdruck auf der Anredeformel "Sie".
Es wird zwischen den weiteren Zeilen Ihres Schreibens
leider auch angedeutet, dass unsere Leben damals fast
nichts miteinander zu tun hatten. Diese Behauptung halte
ich aber nur für vordergründig richtig; und diese
entscheidende Einschränkung will ich hier erklären:
auch wenn Einzelne in dieser Gruppe junger Menschen mit
einigen nie oder nur ganz selten sprachen, so nahmen
erstere doch wahr, wie letztere sich äußerten und wie
sie handelten. Es ist leicht nachvollziehbar, dass sich
so von jeder Person zu allen anderen der Gruppe
gedanklich ein Netz direkter und indirekter Beziehungen
aufbaute. Jede Person registrierte die Verhaltensweisen
der anderen; in einigen Fällen wurden diese wohl auch
gewertet oder mit dem eigenen Verhalten verglichen. Für
mich gilt, und das auch mit einem zeitlichen Abstand von
mehreren Jahrzehnten, dass damals keine Person aus dieser
Gruppe in meinem Leben geistig keine Rolle gespielt hat:
niemand war mir damals in der Gruppe egal. Auch wenn ich
mit einigen der Gemeinschaft fast nie sprach, so war ich
ganz gewiss allen gedanklich verbunden: viele haben mich
mit ihren individuellen Charakteren beeindruckt und
erfreut, aber einige leider auch geärgert; wie z. B.
wenn jemand beim "Einser" rücksichtslos
triumphierend jubelte und die Arme hochriss. Dennoch: an
mehrere damalige Begebenheiten denke ich noch heute gerne
- und das trotz dessen, was ich nun bedenkenlos
ausführe.
Sie schrieben, dass Ihr "Verhältnis zu
mir weder vorbelastet noch problematisch noch von
irgendwelchen Spannungen geprägt" sei. Diese Haltung erstaunt mich um so mehr, da
Sie doch oft in nächster Nähe waren, als ich in den
ersten Jahren in den Räumlichkeiten dieser Anstalt viel
öfter als andere gehänselt, verspottet und in
Raufereien verwickelt wurde. Vor allem W., E. und S.
trieben es sehr weit mit diesem Mobbing unter
Jugendlichen, für das der Fachbegriff
"bullying" lautet. Diese und spätere Schikanen
haben mich in der Seele unerhört tief verletzt, weil ich
nicht wußte, warum dies immer wieder geschah, weil ich
mich verbal nicht effektiv wehren konnte und dagegen noch
keine innere Barriere hatte. Ich hatte damals noch keine
Ahnung davon, dass Sündenböcke eine Gruppe
stabilisieren, wenn sie durch übergeordnete externe
Stressoren unter Druck gerät. Ich konnte leider deshalb
nicht angemessen zurückgeben, weil ich in dem Objekt, in
dem ich damals heranwuchs, Vernachlässigung, massive
Unterdrückung, Einschüchterung und Verunsicherung
erfuhr; dazu gesellten sich all die schon in Frank
Wedekinds Werk "Frühlings Erwachen" (1891)
geschilderten Probleme Heranwachsender mit bürgerlicher
Moral, Werten, Konventionen und Tradition in einer
Gesellschaft, die von sich behauptete, den
wilhelminischen und nazistischen Zeitgeist angeblich
überwunden zu haben. Aufbau von Selbstwert und
Selbstvertrauen - echtes, authentisches Menschsein - war
mir an genanntem Ort zu allen Zeiten unmöglich; einige
konkret erinnerte und hiermit verbürgte Schandzitate
sind wie folgt:
"Mei is der Bua dumm!"; "4×6 is?";
"Der steht ja da wiara Fragezeichn"; "ja
da siag i schwarz!"; glei fällt da Watschnbaum
um!"; "der is ja gwohnt, alloa zsein";
"Bua, mach koan soichan Buckl und hoit di
grad!"; "Bist hoid ea braktisch ois wia
deoredisch begabt."; "mach sofort as Licht
aus!"; "Macht nix wannst Mathe und Zeichna net
gscheid kannst, I hobs a ned kenna."; "Ja grad
no!"; "Jetz bist aba dran!"; Du schpinnst
ja vom Boa weg!"; "Wannst so weidamax't, weast
hoid blos Hoibkreisinschenör (Halbkreisingenieur:
Straßenkehrer)!"; Sag, braugst a Bockfotzn,
ha?", "Na ja, brauchbar." (sein Kommentar
bei einer seiner Zwangsnachhilfemaßnahmen zu meinen
verzweifelten Bemühungen, so gut wie mir möglich ins
Englische zu übersetzen); "Geh wisch ma do an Oasch
o" (von ihm bestens amüsiert erzählte Begebenheit,
als Kameraden seiner damaligen Zufallsgemeinschaft ihren
Instruktor verbal beleidigten); "Höa endli auf mit
dem Experimendian!"; "_ _ _ _ _" (sein
gesamter Kommunikationsbeitrag während meines
einstündigen Rücktransports nach 14 Tagen
Krankenhausaufenthalt); "A Indiana kennt koan
Schmerz." "Schluss, Aus, Basta, keine
Diskussion!"; "Kinda, mia miassn sparn!";
"Drei Blatt Klobabia miassn fei gnua sei!";
"Du Knallkörper!"; "Da ist mein Geschenk
für Dich" (von ihr ein nagelneuer, aber leerer
Geldbeutel zum Geburtstag. Dieser Vorgang ereignete sich
zweimal); "Du funktioniast und spuast ja so guad,
gell!"; "Händ aus de Hosndaschn!";
"I spring da glei mim nackadn Oasch ins
Gsicht!"; "a Kind valian is wia wannst an
Hundatmarkschein valiast"; "Der hatte ja auch
rote Haare." (ihr Kommentar über eine mir gut
bekannte Person, die am Leben verzweifelte und sich
selbst richtete); "ja mei, hamms gsagt, wann oana
ganga is, na machma hoid wida oan"; "Wannst ned
wuist, kannst ja gehn"; "Viel Feind, viel
Ehr"; "Du Kind Gottes"; "Du Narr in
Christo!"; "Du mit Deinem heiligen
Körper!"; "Du bist ja total verklemmt!";
"Da Klügare gibt nach!"; "Du bist doch
viel zu emotional!"; "Du bist ja Wax in de
Händ vo andare!"; "Keine Exberimente!";
"Wenn mia uns streitn, nacha blos zwengs de
Kinda!"; "Ga-ga-ga-ga!" (er äfft eines
seiner Kinder beim Stottern nach); "vo Bolidik
verstehst Du nix"; "Scheiß Schule!";
"Du bist do nua deshoib so weit ghupft, weilst
vorhea zwoa Schnitzl griagt hast" (ihr Kommentar zu
meiner erfolgreichen Teilnahme am Gau-Kinder-Turnfest
1968); "Da spielt eine Bäänd!"
(eine seiner Lautsprecherdurchsagen); "Bass fei auf
gell, beim Rückwäatsfahrn bassian de allameistn
Unfäll." und "Halt halt halt mein schönes
Benzin!" (er während seines
Zwangsnachhilfeunterrichts zum Fahrschulunterricht);
"Des Kilotrumm Hartwurscht kimmt fei a no nei
gell!" (sie beim Packen des Koffers für
14 Tage Englischkurs in London); "Des war ja a
Schnellsiedekurs in Punkto Lebnserfahrung" (ihr
Kommentar anlässlich meines 30m-Absturzes - Sept. 1975 -
in der Alpspitze Nordwand); "Ja mei, I moan, des
Dings hamma vahunagglt oda vakuhwedelt."; "A
Aufklärung woidst ham? Ja zwengs wos nacha ha? Unsa Hund
hat des do a net braucht Du Depp!"; "Höa
sofoat auf mit dera blödn Nega- und Bumsmusi!";
"Ja jetz weads aba Zeit!"; "Trag net so
lange Haar, sonst kriagn d'Leut Angst voa Dia.";
"Des woast fei gell, dass ab sechsazwanzge
kräftemassig bergab geht"; "Der is ja
übastanti"; "Etwas Braunes" (sein
Kommentar zu meiner Jugendliebe); "Du hast ja Händ
so groß wia Abortdeckl!"; "Und wissts des a,
dass der eine Schweineherzklappe bekam?" (ihr
Kommentar am Hochzeitstagstisch über einen verstorbenen
Kollegen); "Mechadst ebba moralisian, ha?" ( er
zornig brüllend anlässlich meines erregten Kommentars
zu einem Bericht - im Lesebuch Deutsch 12. Klasse - über
die Bajonettierung jüdischer Säuglinge durch die SS);
"De vom Totnkopfverband, des warn'd bestn."
"Auschwitz war doch nua da anus mundi."
"Und dann samma nei nach Radom!"; (seine
seltenen Kommentare über die NS-Zeit und seinen
Polen-Einsatz bei der Wehrmacht); "Jetz stellts Eich
des amoi voa: unsa Hund hat sei ganzes Lebn lang imma des
Gleiche gfressn!"; "wea nix sagt, der kriagt
nix"; "So was ghört doch im Seichhaferl
datränkt!" (er über seine Enkelin); "Bist ja
net da gwen, wiari verdeilt hob"; "Gibst Du es
an?" (seine Frage, ob ich seinen in Aussicht
gestellten Voraus beim Finanzamt melde; eine Frage, die
ich sofort bejahte. Freilich bekam ich deshalb nichts
mehr); "Gscheida Bua"; "Aba mia ham uns
doch nur gfrozzlt." (ihr Kommentar zu 55 Jahren
coram publico gelebte Streit- und Anschreiehe); "Was
für Hennen?"; "Wos, a Publikation hast
gschrim, ja wiavui Goid hasdn nacha dafüa griagt
ha?".
Demütigende, menschen-, kultur-,
gemeinschaftsverachtende und -zerstörende Giftsätze:
Gossensprache ewig Gestriger; Niedertracht pur. Erst sind
wir erschaffen und dann bis aufs Blut gequält worden; so
war das damals.
Ich hatte kaum Möglichkeiten, Selbstwert,
Selbstvertrauen, - sicherheit, eine gesunde Identität
und verbale Schlagfertigkeit zu entwickeln.
Obendrein verletzte mich, dass in der Anstalt die Mobber
für ihre über Jahre gegen mich gerichteten Angriffe
fast nie von den Autoritäten gerecht bestraft wurden und
dass letztere diesen Unfug nicht unterbunden haben. Mir
blieb als Jugendlicher damals nichts anderes als die
körperliche Selbstverteidigung.
Oft war es doch so, dass ich vor der Gruppe sehr unsicher
auftrat, stotterte, ich nur selten laut und sicher
sprechen konnte und bei geringsten Anlässen errötete.
Die Exposition beim freien Sprechen vor Allen war mir
unerträglich. Diese meine Schwächen waren allen der
Gruppe bekannt.
Wie kann denn bei solcher Tatsachenlage Ihr Verhältnis
zu mir so sein, wie ich Sie zwei Absätze oberhalb
wörtlich zitierte? Es darf doch nicht wahr sein, dass
Ihnen das alles egal war, was mir damals auch in Ihrem
Beisein angetan wurde. Oder hatten Sie das alles nicht
wahrgenommen? Das kann nicht sein: die für mich
unerträglichen und beschämenden Raufereien und
Pöbeleien, zu denen man mich immer wieder provozierte,
konnte niemand aus der Gemeinschaft übersehen oder
überhören. Spürten Sie wenigstens ein einziges mal
Mitleid? Wie gerne hätte ich diese Hänseleien so bald
wie möglich ein für allemal friedlich beendet.
Zu diesen sehr problematischen Erfahrungen kam der von
nicht wenigen Autoritäten dieser Bildungseinrichtung
damals exerzierte und exekutierte ultra-autoritäre
Arbeitsstil; allen voran eine Fachkraft für Altsprachen:
ein Folterknecht, der uns ein besonders hohes
Arbeitspensum aufzwang, grundlos extrem streng und hart
bewertete, uns mit einer Flut von Strafen quälte
("Kapitel 15 und 16 übersetzen!"; "Steh
auf und stelle Dich nun ganz aufrecht und frei in den
Gang und halte Dich nirgendwo fest, wenn Du ausgefragt
wirst.") und uns mit zynisch-aggressiven Bemerkungen
("Jedem das Seine.") erniedrigte; dicht gefolgt
von zwei Fachkräften für die Sprache der
Naturwissenschaft, deren Wortwahl gelegentlich ins
Trivial-Ordinäre abstürzte. Hierzu einige verbürgte
Zitate:
- zornig-brüllend: "I reiß Enk an Oasch bis zum
Gnack auf",
- unverschämt fordernd: "Nicht winseln sollt Ihr,
sondern schneller arbeiten!"
- giftig-hasserfüllt-bellend: "Im Ostn hätt' ma
mit Eich an kuazn Brozess gmacht: Zack, Rübe ab!",
- zynisch-belehrend: "Wess' Brot ich ess', dess'
Lied ich sing!",
- gleichgültig-gelangweilt: "A Guada hoids aus, und
um an Schlechtn is ned schod.".
Grobe und seelenverletzende Kasernenhof-Pöbeleien
Halbstarker im ehemaligen Land der Dichter und Denker.
Das ist nur mehr Demütigungskultur, in der keine
positive Wissensvermittlung an Jugendliche und ihre
Intellektualisierung stattfinden kann. Ähnliche den
sozialen Frieden, das humboldtsche Bildungsideal, die
Humanität und den Generationenvertrag pulverisierende
zerstörerische, gewaltsam realisierte, todtraurige
Machtverhältnisse haben - unabhängig voneinander - im
Jahr 1905 Heinrich Mann in "Professor Unrat"
("Sie sollen nicht denken!" .... "Noch
heute werde ich von Ihrer Tat dem Herrn Direktor Anzeige
erstatten, und was in meiner Macht steht, soll - traun
fürwahr - geschehen, damit die Anstalt wenigstens von
dem schlimmsten Abschaum der menschlichen Gesellschaft
befreit werde!") und Ludwig Thoma in den
"Lausbubengeschichten" (Der Anstaltsdirektor:
"Ruchloser Bube Du, wann wirst Du uns endlich von
Deiner Anwesenheit befreien?") facettenreich und
genial dargelegt. Ganz ähnlich die Schul-Kommentare von
K. Tucholsky: "Schade um die verlorene Zeit."
und R. Walser: "...und Lehrer werden? Ich würde
lieber sterben." (Aus: Michael Skasa:
Sonntagsbeilage vom 18.09.2011). Obwohl hier schon sehr
früh von prominenten Schriftstellern die Bildungsmisere
beiderseits des Weißwurstäquators perfekt analysiert
und laut auf sie aufmerksam gemacht wurde, sind diese
besonders wertvollen Informationen von den
Entscheidungsträgern im Erziehungs- und Bildungssystem
zum Schaden für den kulturellen und sozialen Status
aller anscheinend bis heute nicht wirklich ernst genommen
worden. So ein System führt zu keiner wahren
Humanisierung und echten Intellektualisierung der
Gesellschaft, sondern nur zu ihrer Talibanisierung. Jede
Gesellschaft bekommt eben ganz genau die
Entscheidungsträger und Multiplikatoren, die sie
verdient. Wissensvermittlung und freudiges Lernen kann
nur in einem positiv gestimmten Umfeld gelingen.
Am Entsetzlichsten empfand ich aber die immer
wiederkehrenden und hochnotpeinlichen Erzählungen über
den letzten Weg von Gottes Sohn, die - neben anderen -
Kaplan Günter M., eine "Fachkraft" der
Anstalt, mit unverkennbarem Genuß darbot: "... und
dann erfolgte die zweite Geißelung am Kreuz; das war
pikant!". Mehr.
Dazu gab es leider auch noch einige andere dieser
autoritären Sorte, die aufzuzählen aber nicht mehr
lohnt.
Als friedlicher und empfindsamer Mensch haben mir auch
diese großen seelischen Stressoren meiner
intellektuellen und seelischen Entwicklung sehr geschadet
und sie erheblich verzögert. Freilich musste sich keiner
dieser Verbalsadisten jemals für seine Verbalinjurien in
einem Disziplinarverfahren verantworten; freilich hat
sich keiner dieser Verbal-Berserker jemals vor den
Gekränkten, Beschämten und Verängstigten entschuldigt.
Kann man das wirklich so stehen lassen? Geht man wirklich
so mit jungen und hoffnungsvollen Menschen um? Wie sehr
sehnte ich mich nach wahren und echten Autoritäten,
denen ihre Bildungsarbeit Freude bereitete, die gerne mit
jungen Menschen zusammen waren, vor denen man keine Angst
zu haben brauchte und die man deshalb nie hassen lernte.
So kam es, dass ich damals unter oben genannten
verheerenden Einflüssen seelisch und kommunikativ
regredierte.
Sie fragten nach dem " ...Part, den ich in Deinem
Leben gespielt habe". Hier ist er: ich bewunderte damals Ihr
souveränes Auftreten, Ihre Selbstsicherheit und Ihr
Selbstvertrauen. An diese Fähigkeiten, die Ihnen damals
das Vertrauen vieler brachten, wäre ich gerne auch nur
ein kleines bißchen herangekommen. Sie waren in dieser
Hinsicht damals für mich ein unerreichbares Vorbild und
ich fühlte mich Ihnen gegenüber als der viel
Schwächere.
Sie waren damals für viele der Gruppe
Vertrauensperson. Warum machten Sie damals Ihren Einfluß
nicht wenigstens einmal ausnahmsweise auch zu meinen
Gunsten geltend und ließen mich nicht im Mobbing-Regen
stehen? Warum wiesen Sie die Mobber nie in ihre
Schranken? Warum halfen - wie alle anderen - auch Sie mir
nicht?
Als ein von seinen Anlagen her sehr
geselliger Mensch bin ich damals von dieser Gemeinschaft
und anderen Gruppierungen, in denen ich mich ohne
dauerhaften Erfolg zu etablieren versuchte, wider Willen
immer mehr in die Außenseiterposition gedrängt und nach
dem Abgang fallen und alleine gelassen worden. Wesentlich
dazu beigetragen hat zudem folgendes: Ende der siebziger
Jahre des vergangenen Jahrhunderts bin ich im selben Jahr
in dieselbe Bildung-Institution geschickt worden, in der
auch ein naher Verwandter von mir zu arbeiten begann. Ich
bin in diese gesetzeswidrige, aber leider von allen
Verantwortlichen geduldete Situation einfach
hineingezwängt und nie gefragt worden, ob mir das recht
war. Noch weniger habe ich zu verantworten, dass in den
sich scheinbar endlos dehnenden Jahren bis zur Entlassung
aus dieser Einrichtung dieser nahe Verwandte regelmäßig
vor der Parallelgruppe Dienst tat und sie mit seiner ganz
speziellen "Schwarzen Pädagogik" besonders
delektierte. Durch die peinliche und mehr als hochgradig
problematische Einflußnahme dieser Person wurde der für
alle geltende Gleichheitsstatus einer unerträglich
schweren Belastungsprobe ausgesetzt, an der die
Gruppensolidarität zerbrach. Ich hörte mehrmals, wie
man mir Vorteilnahme unterstellte. Auch deshalb begann
man mich zu mobben und zum Sündenbock zu machen. Und im
Laufe der Zeit wurden immer bessere und wirksamere
Methoden erfunden und angewandt, um mich in der
Gemeinschaft zum Sonderling zu machen und kalt und
schleichend hinauszudrücken.
Ich fühlte mich als Fremdkörper in der Gruppe und fand
- bis auf wenige Ausnahmen - aus der Rolle des immer
öfter aus den Gemeinschaften Ausgegrenzten nicht mehr
heraus. Es leuchtet ein, dass diese Gruppensituation
meiner eigenen geselligen und freundlichen Natur damals
sehr abträglich war: wachsende Befangenheit,
Unsicherheit, Bedrücktheit und Entmutigung verstärkten
meinen Regress.
Diese Entwicklung war mir gar nicht recht und ich hatte
damals bereits große Angst, weil ich nicht verstand,
warum man mich entweder durch Nichtinformation oder durch
Abweisen immer wieder draußen vor der Türe ließ.
Trotzdem lief ich vermeintlichen Freunden die Türen ein,
ließ nicht locker, drängte mich - mich selbst durch
dieses Verhalten beschämend - auf. Es nützte nichts und
letztendlich stand ich immer wieder im Abseits.
Beispiele:
- "Du lachst umsonst";
"Raus mit Dir, geschlossene Gesellschaft!",
spottete und schimpfte man, als ich in einer Kneipe
Gesellschaft suchte;
- "Ich habe Dich gestern gesehen - Du warst ganz
alleine!" und "Man kann Dich so gut
ausnutzen!", sagte man mir in einem Verein;
- "Das überlassen wir doch am besten dem Zufall,
wann wir uns wiedersehen", beschied mir B.;
- W. ließ eine von mir rasch auf einem Stück Papier
gefertigte geologische Skizze, für deren Datengrundlage
ich Monate im Gelände geschwitzt habe, vor meinen Augen
in den Papierkorb segeln.
- "Mia schmeißn Di scho naus!"
- "Ich werd jetzt auch Lehrer mit zwei e!"
Die Anzahl meiner Kränkungs-, Entwertungs-,
Frustrations- und Mißachtungserfahrungen sind Legion.
"Worte können schwerer verletzen als Taten"
(Prof. J. Goodall). Wie gerne wäre ich damals mit
dabeigewesen; mit echten Freunden zusammen gewesen! Das,
wonach ich am meisten strebte - nämlich Geborgenheit in
Gemeinschaften und dadurch bewiesene gesellschaftliche
Akzeptanz -, blieben mir damals ohne erklärbaren Grund
verwehrt. Immer deutlicher merkte ich, wie der Boden
unter mir dünner wurde, aufzubrechen begann und einen
eiskalten und tiefschwarzen Angstozean darunter freigab,
in dem ein Ausgesetzter und Verstoßener zu ertrinken
begann.
Es geschah an einem Sonntag im
Ferienmonat August, als ich meinen Ängsten nicht mehr
standhalten konnte und ich einen kompletten
Nervenzusammenbruch erlitt: jeden Moment meinte ich, mein
Herz müsse stehenbleiben oder der Schlag würde mich
treffen oder ich müsse ersticken. Es war die Zeit, als
ich dachte, meine Ziele nicht mehr erreichen zu können,
weil ich auf dem Weg dorthin zusammenbreche und an
Schwäche sterbe. Ich traute mich nicht mehr alleine
über die Straße, ohne von meiner damaligen
Lebensgefährtin gehalten zu werden, denn ich hatte
Angst, beim nächsten Schritt vor Schwäche tot
zusammenzubrechen. Und immer wieder drängten die
Gespenster-Gedanken vom Lebensende herein: es wäre doch
eine Erlösung, nicht mehr zu zögern und mir doch nun
endlich selbst den Gnadentod zu gönnen.
Ich litt unter schweren Albträumen. Beispiel: Alleine
gehe ich über einen schönen grünen Bergsattel hinüber
zu den Steinernen Almhütten. Alles ist ruhig und
friedlich und die Sonne scheint. Aber ich gehe seltsam
langsam und etwas beschwerlich. Trotzdem komme ich gut
voran und nähere mich den Hütten. Dort wird aber der
sanfte Wiesengrund felsig und von den massiven
Mauersteinen der Hütten fegt ein eiskalter Wind heran.
Niemand ist dort; alles ist leer; verlassen. Dann sehe
ich, dass die Hütten innen drinnen mit blankem Eis
erfüllt sind. Das Gehen fällt mir immer schwerer und
als ich an mir hinab blicke, sehe ich, dass meine Füße
fehlen und ich auf den Beinstümpfen stehe. Weiter oben
an mir bemerke ich, dass das Hemd zerfetzt und mein
Oberkörper weit aufgerissen ist. Trotzdem gehe ich
wortlos und zäh meinen Weg weiter, an den Hütten
vorbei, immer hinauf.
Ich müßte einen neuen Begriff finden, der dieses
verheerende Gefühlsgemisch aus grenzenloser
Verlassenheit, Hoffnungs- und Hilflosigkeit, Schwäche,
Frustration, Trauer, Verzweiflung und allgegenwärtiger
Panik am besten trifft. Stellen Sie sich die Bilder
Edvard Munchs Der Schrei oder Caspar David
Friedrichs Das Eismeer oder die verunglückte
Hoffnung vor, oder lesen Sie Georg Heyms Jonathan,
oder denken Sie an die letzten Sekunden der in den
Fenstern des ehemaligen New Yorker WTC auf Rettung
Wartenden vor, als in der steigenden Gluthitze der Boden
nachgab und sie brennend zu stürzen begannen: so wird
für Sie vielleicht besser verständlich, was dieser
Begriff ausdrücken soll. Wissen Sie einen? Sicher nicht!
Diese Grenzerfahrung, dieses "im
Angesicht des psychischen und sozialen Todes seiens"
war bei weitem der tiefste Einschnitt, den ich bisher
erlebt habe. Gleichzeitig war dieses Ereignis aber auch
Gelegenheit zur Neuorientierung: eine Chance zum
Neustart, die ich bestmöglichst zu nutzen wusste. Wie
schön und beruhigend ist es, großteils aus eigener
Kraft einen neuen, viel freundlicheren und freieren
Lebensabschnitt begonnen zu haben. Ich genieße nun meine
Eigenständigkeit und Selbstwirksamkeit. Wie gut das tut,
mit letzter Sicherheit zu wissen, dass es einer
erdrückenden, verstockten und gleichgültigen Mehrheit
und Übermacht nicht gelang, mich in den Orkus zu
drängen.
Sie mutmaßten zynisch, dass ich "wohl gerade
dabei sei, mein bisheriges Leben aufzuarbeiten". Diese Erinnerungs-, Spiegelungs-, Übersichts-
und Selbstoperationsarbeit, eine Qual für solche, deren
natürliches Daseinsrecht von kotzengroben und
voreingenommenen Mitmenschen (Kameraden- und
Kollegenschweinen) ohne Unterlass in Abrede gestellt
worden ist, habe ich erbracht, so gut ich nur konnte.
Aber wirklich fertig ist man damit wohl nie; das weiß
jeder, der sich
- wenigstens ein bißchen traut, über seinen Plastik-
oder Goldtellerrand hinauszuschauen und
- sich unerbittlich ehrlich in Selbstkritik und
Selbstreflektion übt.
Sind Sie diese Arbeit schon angegangen? In Ihren Zeilen
kann ich davon nichts erkennen. So wie ich Sie
einschätze, meinen Sie wegen Ihrer Überheblichkeit
wohl, dass Sie so etwas gar nicht nötig haben.
Wir alle machen Fehler, weil wir nur
Menschen sind. Aber ich bin der Meinung, dass ich damals
bestimmt nicht das entscheidende Quantum Mehr an Fehlern
gemacht habe, das meine Ausgrenzung aus dieser
Zufallsgemeinschaft tatsächlich gerechtfertigt hätte.
Und da mir noch nie jemand konkrete und wohlbegründete
Fakten nannte, die meine Position widerlegt hätten,
schließe ich, dass meine Fehler nicht besonders schwer
wogen. Ich denke sogar, dass einige, die in der
Gemeinschaft integriert bleiben durften, mehr Fehler als
ich begingen. Sicher ist, dass mir damals
unverhältnismäßig mehr und vollkommen unbegründet
schwerstes seelisches Leid zugefügt worden, indem man
mir endlose Male den Weg ins Nichts, zum Ausgang und in
letzter Bedeutung zum Exitus wies. Besonders
enttäuschend war für mich, dass das von einer
schweigenden Mehrheit gebilligt worden ist und dass sie
vom Mobbing nicht eines Tages endlich genug hatte. Ich
kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass
auch nur eine Person dieser Gemeinschaft mir freiwillig
ein einziges mal aus meiner Bedrängnis geholfen hätte.
Kann schon sein, dass einige mich sogar schätzten und
mir helfen wollten, aber wegen des Gruppenzwangs nicht
die Courage dazu hatten; leider nutzt der gute Wille
alleine nichts. Eine gnadenlose Gemeinschaft an ihrem
absoluten moralischen Nullpunkt, den sie all die vielen
Jahre bis zum Abgang und auch die darauffolgenden
Jahrzehnte mit grandioser Sturheit hegte und pflegte.
Spätestens hier wird deutlich, wie anstrengend und
unangenehm für Täter und Mitläufer das
"miteinander Reden" mit dem Bedrängten werden
kann, wenn sie Gründe nennen sollen, warum sie
Schwächere/Empfindlichere quälten bzw. untätig
blieben. Unter diesem Aspekt kann die sokratische
Einsicht auch verstanden werden, warum "es leichter
ist, unter denen zu sein, die Unrecht erleiden, als unter
denen, die Unrecht tun".
Die moralische Qualität von
Gemeinschaften steht und fällt damit, wie sie
gruppensolidarisch gesonnene Schwächere und
Empfindlichere integriert und in welchem Ausmaß sie
ihnen beisteht.
Jede Gemeinschaft schadet sich selbst am meisten, wenn
sie in archaischer Manier innere Spannungen und die
Wirkungen externer Stressoren durch Mobbing an Vertretern
von Minderheiten zu lösen versucht, indem sie diese erst
psychisch und physisch quält und dann sozial mordet. Es
ist zum Überdruss bekannt, wie brandgefährlich es
werden kann, wenn Gemeinschaften absichtlich Desperados
züchten.
Mit dem dummen Inhalt Ihrer Zeilen
haben Sie in mir ein letztes mal das Wüten und den Zorn
der ganzen Welt heraufbeschworen: es verletzt unsäglich,
als seelisch schwer Versehrter in gleicher Sache
wiederholt gekränkt worden zu sein, indem Sie - Ihr
geheucheltes Nichtwissen bemühend - indirekt
behaupteten, von meinem Leid nichts bemerkt zu haben
sowie voreilig mit dem Allgemeinplatz sich
verdünnisieren wollten, "dass für Dich
nun alles was mich betrifft geklärt ist". Das erinnert an nichts anderes als an die
obligatorische Wirklichkeitsverweigerungstaktik, die nach
erfolgreicher Auflösung totalitärer Unrechtssysteme die
Täter- und Mitläuferschaft epidemisch befällt. Ihr
Schreiben ist oberflächlich, meidet die meisten
Hauptpunkte unseres Konfliktes, läßt Offenheit
vermissen und erscheint mir nicht nur stellenweise
hilflos. Das hat mich sehr enttäuscht. Wenn das schon
alles war, was Sie mir mitzuteilen hatten, dann tun Sie
mir sehr leid.
Der in Ihrem kurzen Schreiben an mich
per Unterschrift bekundete absolute Totalwille zum
Leugnen, Lügen, Bagatellisieren und Euphemisieren ist
erschütternd deutsch. Die anderen Botschaften auf und
zwischen den Zeilen Ihres Schreibens kommentiere ich hier
besser nicht; der Volksmund kennt dafür eine große Zahl
sehr treffender und deftiger Begriffe. Ihr Text zeigt
auch, dass Sie in all diesen Jahrzehnten keinen einzigen
Millimeter vorangekommen sind, Sie Sitzenbleiber/in! Sie
haben damals versagt, indem Sie schon als junger Mensch
Ihre Macht mißbrauchten: erst unterließen Sie es, mir
zu helfen; dann mobbten Sie mich. Und dazu können Sie
nicht stehen, da Sie aus so einem Holz nicht geschnitzt
sind. Sie haben mir genau das Gegenteil der Wahrheit
geschrieben und sich selbst damit am meisten geschadet.
Im Innersten aber fühlen Sie sich mir gegenüber ganz
zurecht schuldig und meiden deshalb den Kontakt, weil Sie
die Peinlichkeit Ihrer überfälligen Erklärung
fürchten. Ihr schlechtes Gewissen, Ihre Hilflosigkeit
und Angst mir gegenüber ist Ihr eigenes Problem, das
alleine Sie selbst mit Bedacht geschaffen haben.
Und sollten Sie an dieser Stelle immer
noch fragen, was dieser aufgewärmte alte Kram denn soll,
dann versuchen Sie, folgende Grundaussage zu verstehen:
"WAS DER MENSCH SEI, SAGT IHM NUR SEINE GESCHICHTE.
UMSONST WERFEN ANDERE DIE GANZE VERGANGENHEIT HINTER
SICH, UM GLEICHSAM NEU ANZUFANGEN. ABER SIE VERMÖGEN
NICHT ABZUSCHÜTTELN, WAS GEWESEN; UND DIE GÖTTER DER
VERGANGENHEIT WERDEN ZU GESPENSTERN. DIE MELODIE DES
LEBENS IST BEDINGT DURCH DIE BEGLEITENDEN STIMMEN DER
VERGANGENHEIT" (Wilhelm Dilthey 1833-1911).
Nun nochmal zur Verdeutlichung: Sie lesen hier keine
ollen Kamellen! Kein Mensch entkommt seiner
Geschichtlichkeit; und das gilt erst recht für Sie.
Was blieb mir nun
Substanziell-Tiefgreifend-Schönes in dieser
verzweifelten und prekären Lebensphase, das für mich
sinnstiftend und emotionalen Halt gebend war in all der
entgrenzten Verlassenheit inmitten so vieler junger und
strahlender Menschen? Es waren vor allem einige der
herausragenden Kulturschöpfungen, die uns vermittelt
wurden:
- Beethovens 5. Sinfonie, Bachs Matthäuspassion, Ravels
Bolero, Mussorgskis Bilder einer Ausstellung, Orffs
Carmina Burana, Smetanas Moldau, Schuberts Gretchen am
Spinnrade, Liszts Totentanz;
- die Schönheit und Eleganz der naturwissenschaftlichen
Gesetze;
- Dürers Melancholia;
- Celans Todesfuge;
- der geniale Leitsatz von Sokrates: "Sprich, damit
ich Dich sehe";
- Konastantinos Kavafis "Ithaka";
um nur einige zu nennen.
In diesen Welten spürte ich gedankliche Tiefe,
Intensität und Dynamik, Ringen um die Wahrheit,
Harmonie, moralische Größe und Integrität,
Transparenz, intensives Leuchten, kristallene Klarheit,
Humanität, Sehnsucht, Ästhetik, Sensibilität,
Vollkommenheit, Kontemplation, Erkenntnis, Dramatik,
innerer Glanz sowie endlich die wahre und große Liebe.
Es gab mir sehr viel, von diesen Zuständen und
Eigenschaften zu wissen. Auf diese wunderbaren und
erstaunlichen Schöpfungen des Geistes war absoluter
Verlass, denn sie waren immer da und gaben mir seelischen
Halt. Und all das Ästhetische und Interessante, das wir
vermittelt bekamen und das ich selbst allmählich immer
deutlicher in den Formen und Vorgängen der Natur zu
erkennen begann, überwog bei weitem die paar netten,
aber oberflächlichen Begebenheiten, welche die Gruppe
daselbst nach der Entlassung durch ihr Verhalten mir
gegenüber als Heucheleien entlarvte. Im absoluten und
hoffnungslosen Nichts gestrandet machte mich eine alles
verzehrende Sehnsucht nach Schönheit, Wahrheit,
Humanität, Wärme und Liebe vorübergehend stumm.
Hatte denn niemand aus der Gruppe auch nur eine Sekunde
lang den Verdacht, dass das Verhalten mir gegenüber
grundfalsch und zutiefst ungerecht war? Alle wussten
doch, dass ich wegen meiner guten Ideen,
Begeisterungsfähigkeit und Ernsthaftigkeit ein
interessanter Gesprächspartner war. Freilich war ich
damals überaus schüchtern, still-zurückhaltend,
gehemmt und verunsichert. Aber wenn man mehr auf mich
zugegangen wäre, mich wirklich und ehrlich integriert
und mich ernst genommen hätte, hätte ich sicher bald
Vertrauen gefasst und mich erklärt.
Zernichtender Fakt ist, dass nach dem
Abgang keine einzige Person der Gruppe mich aus
persönlichem Interesse kontaktierte; und das, obwohl wir
alle aus einer damals eher dörflichen Gemeinde und ihrer
nächsten Umgebung stammten. Das ist nichts anderes als
eine unfassliche Grobheit, für die sich selbstredend
keine einzige Person der Gemeinschaft bei mir jemals
entschuldigt hat.
Wie kann nun erklärt werden, dass nach so vielen
gemeinsam in der hoffnungsfrohen Jugendzeit verbrachten
Jahren einem keiner mehr etwas zu sagen hat? Das hat,
neben den genannten Gründen, auch damit zu tun, dass
aller Gemeinschaftssinn - der auch in langjährigen
Studien in dieser Anstalt intensiv theoretisiert und
vertieft wurde - nach der Entlassung manipulationsbedingt
sofort abgelegt wurde, weil im mainstream
rücksichtsloses Konkurrenz- und Karrieredenken sowie
optimierte Angepasstheit und Unterwürfigkeit ganz groß
angesagt waren: d. h. picometergenau musste darauf
hingearbeitet werden, gesellschaftlich eingerichteten und
traditionell vorgegebenen Zwangsrollen zu genügen und
überall und immer die erste, schnellste, intelligenteste
und die beste Bestie zu sein und die reichste Bestie mit
den heissesten Drähten zu den einflussreichsten
Interessenverbänden zu werden. Diese die sozialen und
humanitären Grundlagen zerstörenden Systemzwänge hat
schon der Schriftsteller Oskar Maria Graf im Jahr 1927 in
seinem Werk "Wir sind Gefangene" prinzipiell
dargelegt.
Wir hätten besser daran getan, in
aller Ruhe Erfahrungen auszutauschen, uns in
konstruktiven Dialogen gegenseitig zu stützen und selbst
zu lernen, zueinander humanitär, fair, respektvoll und
ehrlich zu werden und dies auch dauerhaft zu bleiben. Wir
hätten uns ein kleines Glück der Geborgenheit schaffen
können inmitten all der Schiffsbrüche und den
wachsenden Unsicherheiten; wir hätten zusammen in einem
Freundeskreis uns verstehen lernen und miteinander in
Frieden alt werden können. Das wäre wirklich ergreifend
schön geworden; etwas Besseres, glaube ich, hätten wir
kaum schaffen können. Denn man genießt doch nur ein
einziges mal - und das nur für sehr kurze Zeit - das
Glück des Bewusstseins, das neben Selbstreflexion
intensiven und komplexen gedanklichen Austausch mit
anderen ermöglicht. Denn vor und nach dem Leben war und
wird sein nichts als ewige und allumfassende, unfassbar
schwarze Stille in einem zeit- und raumlosen, unendlichen
Nichts. Warum hat die Gruppe denn schon zu Lebzeiten -
anscheinend im Dauerstatus nicht verbesserbarer
kollektiver Unbewußtheit - diesen grauenvollen Zustand
des Verlassen- und Geächtetseins heraufbeschworen und
mir damit Angst und Schrecken eingejagt, indem sie mich
mit größter Sorgfalt jahrzehntelang perfekt ignorierte
und totschwieg? Warum ging sie mit mir so um, als wäre
ich schon zu Lebzeiten tot? Warum denn noch mehr
absichtliche Endlichkeit draufsetzen auf die
naturgegebene Endlichkeit aller? Als ob es nicht schon
genug wäre mit letzterer.
Die Kardinalfrage geht aber an die Gruppe selbst: wie
konnte es geschehen, dass sie sich selbst einen so
großen Schaden freiwillig antat, indem sie auf mich
völlig verzichtete? Etwa aus Dummheit? Ist es nicht
unendlich traurig, was sie deshalb alles unwiderbringlich
versäumte, welche Möglichkeiten sie sich nahm und wie
schwer sie sich selbst verletzte? Waren wir nun im Sinne
eines "Füreinander da sein" in der Gruppe oder
um eines "Gegeneinander" Willen?
Für die schrillen Dissonanzen, die meine nahen
Verwandten durch ihre Diensttätigkeiten in den
Parallelgruppen in den Anstalten erzeugten, bin ich nicht
verantwortlich. Aber es war ein kapitaler Fehler, dass
sich die betroffenen Gruppen an einem Wehrlosen rächten
und mich als Sündenbock abstraften. Das ist
Gruppensadismus und ähnelt Sippenhaft. Alle gegen einen,
der nachweislich nicht schuldig war; das war sehr unfair
und besonders primitiv. Schämt Euch allesamt für alle
Zeiten in Grund und Boden! Gedenket Eurer triumphalen
moralischen Schlichtheit. Streut Asche auf Eure ergrauten
und gelichteten Häupter! Hier setzte man doch nur ein
Unrecht auf das nächste, anstatt all den widerlichen und
ekelhaften Störenfrieden das in exakt derselben
Qualität und Quantität zeitnahe zurückzugeben, was von
denen ausging. Die externen Stressoren der Gruppe blieben
unbestraft und die Gruppe selbst reagierte ihren Druck an
einem ihrer Schwächsten ab. So kann ich also der Gruppe
ganz zu recht zurufen: "Ihr wusstet ganz genau, was
Ihr tatet!" und "Warum habt auch Ihr mich
verlassen?" Ihr hattet wirklich keinen vernünftigen
Grund, mich zerstören zu wollen.
Ich habe damals als Heranwachsender ganz gewiss nicht
darum gebeten, in eine Anstaltsgruppe gesetzt zu werden,
die sich moralisch als besonders schwach erwies: die
nichts Törichteres wusste, als sich über viele Jahre
größte Mühe zu geben, mich - im übertragenen Sinne -
zuerst zu geißeln und ans Kreuz zu nageln, um
anschließend mit Triumpfgeschrei den Kadaver in die
cloaca maxima schmeißen zu können. Ich bin stolz
darauf, dass sie an meinem Lebenswillen, meinem
Optimismus und meiner Zähigkeit scheiterte.
Es ist klar, dass nach Jahrzehnten das
Warten auf ein persönliches Kontaktsignal sinnlos
geworden ist und ich diese Situation hiermit radikal
akzeptiere, entsprechend dem treffenden Satz "Don't
spend time on problems You cannot solve" (Prof.
Sierd Cloetingh, Vrije Universiteit Amsterdam, NL). Die
Folge ist, dass ich im Gegenzug das Recht für mich
beanspruche, in diesem ganz speziellen Fall meinen
Gemeinschaftssinn in letzter Konsequenz aufzugeben und
auf keine Person der Gruppe mehr zu warten; mein
Entschluß ist unwiderruflich. Allesamt haben sich so
verhalten, dass sie mir nun wirklich egal geworden sind.
Es tut mir mehr als nur gut, dass ich nun einen
Schlußstrich unter das Hadern mit dieser schrecklicher
Zeit gesetzt habe. Wie schön, wenn man so einen Klotz
endlich vom Bein hat und sich mit sich selbst versöhnen
konnte (Süddeutsche Zeitung Nr. 23: 3 vom
29./30.01.2011).
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Ich schreibe hier auch für alle, denen
es ähnlich geht oder ergangen ist und damit diese von
allen Verlassenen und vor dem Abgrund Stehenden wieder
Lebensmut fassen. Sie sehen dann, dass selbst schwerste
Traumatisierungen, verursacht durch roheste seelische
Gewalt, heil- und überwindbar sind und in hohe, positive
und konstruktive Lebensenergien transformiert werden
können, sobald Form, Struktur und Entstehungsgeschichte
des Schreckens erkannt worden sind.
Ich freue mich auf all die vielen
ruhigen Jahre, die noch kommen werden und auf all das,
was ich in dieser Zeit zusammen mit meiner Frau schaffen
werde, wovon viele andere Gemeinschaften mit
menschlicherem Antlitz Freude und Nutzen haben werden.
Ich freue mich um so mehr, weil ich einen Großteil
meiner ursprünglichen Geselligkeit, Energie und
Lebensfreude wieder gefunden habe.
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Text
online seit 23.08.2008. Ergänzung am 20.09.2011. |
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Dr. Hubert
Engelbrecht |
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