Jenseits von Trauer, Angst und Ungewissheit:
Rückantwort, Kommentar und später Schlußstrich --
Leviten-Lesung in einem Offenen Brief

Musikalische Begleitung: "Rape me". Kurt Cobain, 1991, Nirvana

Ich habe Ihre schriftliche Antwort erhalten und melde mich erst jetzt, Jahre später, da ich lange nachdenke und vieles verwerfe, bis ich meine, ein Satz sei inhaltlich richtig und ich könne ihn schreiben. Inzwischen war sehr viel andere, vorrangige Terminarbeit zu erledigen. Ausserdem besteht nach gut 40 Jahren fast permanenter Sendepause kein Grund mehr zur Eile.

Prinzipiell war und ist für mich alles, was mit Lebensfragen zu tun hat und zwischenmenschliche Beziehungen betrifft, besonders wichtig. All dies nehme ich sehr genau. Deshalb folgt hier meine ausführliche Entgegnung - bestehend aus Anmerkungen, Kritik und Ergänzungen - zu Ihrem Schreiben auf meine Initiative, die alte Blockaden überwinden und Vorurteile ausräumen wollte sowie einen Neubeginn vorschlug. Weiter unten kommentiere ich dann auch das Verhalten der Gruppe, in der wir uns damals befanden. Ich zeige hier, wie grausam manipulierte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Schwächeren sein können und welche immensen Schäden durch Langzeit-Mobbing entstehen. Zudem geht es um die verheerenden Folgen von
- problematischen Erfahrungen in Kindheit und Jugend,
- Unterwerfung sowie seelischer Gewalt im Alltag,
- rücksichtslosem Konkurrenz- und Karrieredenken,
- Gleichgültigkeit und Sturheit,
- antidemokratischen Strukturen in Gruppen sowie
- Wirklichkeitsverweigerung.
Das nun folgende ist tatsächlich geschehen und keine selbstmitleidvolle Übertreibung bzw.
Selbstviktimisierung.
Einige der folgenden Passagen enthalten provokante Vorwürfe und deutliche Meinungen. Das ist auch so beabsichtigt; alles ist gut begründet. Ich stehe dazu und sehe mein Schreiben nicht nur als persönliche Anklage gegen ungesühnte Ungerechtigkeiten, sondern auch als notwendige Reaktionen auf drängende gesellschaftliche Mißstände: Massengräber toter Tage, toter Jahre, toter Leben; es darf auf diese Art nicht weitergehen.

Ganz klar meinte ich unter Voraussetzung pluralistischer Lebensauffassung in meinem vorangegangenen Brief: nur durch offenen und ehrlichen Dialog können Pauschalurteile differenziert und alteingefahrene, falsche Verhaltensweisen korrigiert werden. Nur in einem konstruktiven und fairen Miteinander, nicht in einem wortlos-sturen Nebeneinander ad exitum kann man auf Dauer zusammen glücklich sein und bestehen.

Mich erstaunt das von Ihnen mir servierte "Du", obwohl Ihrer Meinung nach damals in der Zufallsgemeinschaft, in die wir eingereiht waren, wir "nur wenig miteinander zu tun hatten", wie Sie mir schrieben. Es ist richtig, dass wir all die langen Jahre bis zur Entlassung fast nie miteinander sprachen sowie getrennte Freundeskreise und Interessensgebiete hatten. Und es ist wahr, dass dies jahrzehntelang sich bis heute fortsetzte. Die Anredeformel "Du" ist also in diesem Falle inkorrekt und unpassend von Ihnen gewählt; so bestehe ich deshalb nachdrücklich auf der Anredeformel "Sie". Es wird zwischen den weiteren Zeilen Ihres Schreibens leider auch angedeutet, dass unsere Leben damals fast nichts miteinander zu tun hatten. Diese Behauptung halte ich aber nur für vordergründig richtig; und diese entscheidende Einschränkung will ich hier erklären:
neben den äusseren gab es in dieser Zufallsgemeinschaft auch innere, verdeckte Beziehungen: auch wenn Einzelne in dieser Gruppe junger Menschen mit einigen nie oder nur ganz selten sprachen, so nahmen erstere doch wahr, wie letztere sich äußerten und wie sie handelten. Es ist leicht nachvollziehbar, dass sich so von jeder Person zu allen anderen der Gruppe gedanklich ein Netz direkter und indirekter Beziehungen entwickelte. Jede Person registrierte die Verhaltensweisen aller anderen; in einigen Fällen wurden diese wohl auch gewertet oder mit dem eigenen Verhalten verglichen. Für mich gilt, und das auch mit einem zeitlichen Abstand von mehreren Jahrzehnten, dass damals keine Person aus dieser Gruppe in meinem Leben geistig keine Rolle gespielt hat: niemand war mir damals in der Gruppe egal. Fast immer taten mir die, die schlechte Noten bekamen oder durchfielen, leid; gleichzeitig fühlte ich mich erleichtert - was mir aber auch ein schlechtes Gewissen bereitete - , dass ich nicht in der gleichen Lage war. Auch wenn ich mit einigen der Gemeinschaft fast nie sprach, so war ich ganz gewiss allen gedanklich verbunden: viele haben mich mit ihren individuellen Charakteren beeindruckt und erfreut, aber einige leider auch geärgert; wie z. B. wenn jemand bei seinem/ihrem "Einser" rücksichtslos triumphierend jubelte und die Arme hochriss; oder wenn jemand sich schon wieder eifernd meldete und mit den Fingern schnippte, nur um Vorteile zu sammeln - wie eklig das war. Freilich gab es auch lustige Momente: Erdkunde: Lehrkraft: "Wo liegt der Brenner?" Schüler: "Wo brennt's?" Schallendes Gelächter. Lehrkraft zornig: "Verweis!" Deutsch: Lehrkraft: "findet Wortbeispiele, die das Adjektiv "grün" eingehender beschreiben." Einige nennen hellgrün, blaugrün, dunkelgrün, grasgrün, türkis, gelbgrün, etc.. Dann rief die Lehrkraft schließlich den Schüler W. auf, weil dieser sich sehr eifrig gemeldet hatte: "suppengrün!" Es folgen langanhaltende verbale Bekundungen allgemeiner Heiterkeit. Lehrkraft wütend: "Verweis!"

Es liegt wohl in meiner eigenen - reflektierten - Irrationalität begründet, dass ich an mehrere damalige Begebenheiten noch heute gerne denke - und das trotz der Verhältnisse und Entwicklungen, die ich in den folgenden Absätzen bedenkenlos darlege. Vorab aber noch eine lustige Begebenheit, die sich aber nur in meinen Gedanken abspielte, weil ich mich damals wieder mal nicht zu fragen traute, was denn an dem Satzteil "...ein weißer Schimmel... überflüssig/redundant sein soll, weil es doch auch gelben, orangefarbenen, blauen, chremefarbenen, scharlachroten und auch schwarzen Schimmel gäbe und dass all diese Formen schon von Biologen wissenschaftlich bestimmt worden sind". An das weiße Pferd dachte ich damals wirklich nicht, sondern an was anderes. Eigentlich schade um das Gelächter, das damals nicht stattfinden konnte, weil ich so eingeschüchtert war.

Sie schrieben, dass Ihr "Verhältnis zu mir weder vorbelastet noch problematisch noch von irgendwelchen Spannungen geprägt" sei. Diese Haltung erstaunt mich um so mehr, da Sie doch oft in nächster Nähe waren, als ich in den ersten Jahren in den Räumlichkeiten dieser Anstalt viel öfter als andere gehänselt, verspottet und in Raufereien verwickelt wurde. Sonnenklar, dass eine Bohnenstange, eine Brillenschlange, ein linkshändiger Rothaariger und ein Lehrerskind mit gelegentlich zu guten Noten prädestiniert war für Platz Nr. 1 auf der Abschußliste. Vor allem W., E. und S. trieben es sehr weit mit diesem Mobbing unter Jugendlichen, für das der Fachbegriff "bullying" lautet. Diese und spätere Schikanen haben mich in der Seele unerhört tief verletzt, weil ich nicht wußte, warum dies immer wieder geschah, weil ich mich verbal nicht effektiv wehren konnte und dagegen noch keine innere Barriere hatte. Ich konnte damals noch keine Ahnung davon haben, dass Sündenböcke und schwarze Schafe eine Gruppe stabilisieren, wenn sie durch übergeordnete externe Stressoren unter Druck gerät. Ich konnte leider deshalb nicht angemessen zurückgeben, weil ich in dem Objekt, in dem ich damals heranwuchs, Vernachlässigung, massive Unterdrückung, Einschüchterung und Verunsicherung erfuhr; dazu gesellten sich all die schon in Frank Wedekinds Abhandlung "Frühlings Erwachen" (1891) geschilderten Probleme Heranwachsender mit bürgerlicher Moral, Werten, Konventionen und Tradition in einer Gesellschaft, die von sich behauptete, den wilhelminischen und nazistischen Zeitgeist angeblich überwunden zu haben. Aufbau von Selbstwert und Selbstvertrauen - echtes, authentisches Menschsein, ein Sein in Menschenwürde - war mir an genanntem Ort zu allen Zeiten unmöglich gemacht; einige konkret erinnerte und hiermit verbürgte Schandzitate sind wie folgt:

"Mei is der Bua dumm!"; "4×6 is?"; "Der steht ja da wiara Fragezeichn"; "ja da siag i schwarz!"; glei fällt da Watschnbaum um!"; "der is ja gwohnt, alloa zsein"; "Bua, mach koan soichan Buckl und hoit di grod!"; "Bist hoid ea braktisch ois wia deoredisch begabt."; "mach sofort as Licht aus!"; "Macht nix wannst Mathe und Zeichna net gscheid kannst, I hobs a ned kenna."; Wiaso machstn koan Einsavoateil?"; "Kernfaul!"; "Stinkfaul!"; "Ja grad no!"; "Da hast fei mehra Glück ghabt wia Vastand!"; "Jetz bist aba dran!"; "Du schpinnst ja vom Boa weg!"; "Wannst so weidamax't, weast hoid blos Hoibkreisinschenör (Halbkreisingenieur: Straßenkehrer)!"; "Stante pede, jetz aba los los", "Ab mit Dia"; "Sag, braugst a Bockfotzn, ha?"; "Ja dia huif I glei, kimm nua glei hera da!"; Und wat sachte dann dea Könich?"; "Na ja, brauchbar --" (sein absichtlich sehr spät geäusserter Kommentar nach einer seiner Zwangsnachhilfemaßnahmen zu meinen verzweifelt angestrengten Bemühungen, so gut wie mir möglich ins Englische zu übersetzen); "So ein domma Borsche!" (er verärgert einen seiner ehemaligen Instruktoren rezitierend, wie dieser seine Anstrengungen kommentierte, die im Malunterricht gestellte Aufgabe- ein springendes Pferd zu Papier zu bringen - zu erfüllen); "Geh wisch ma do an Oasch o" (eine von ihm bestens amüsiert erzählte Begebenheit, als Kameraden seiner damaligen Zufallsgemeinschaft ihren Instruktor verbal beleidigten); "Höa endli auf mit dem Experimendian!"; "_ _ _ _ _" (sein gesamter Kommunikationsbeitrag während meines einstündigen Rücktransports nach 14 Tagen Krankenhausaufenthalt); "A Indiana kennt koan Schmeaz." "Schluss, Aus, Basta, keine Diskussion!"; "Das geht Dich doch nur einen Scheißdreck an, wie es mir geht!" (seine Antwort auf meine Frage, wie er sich fühle); "Kinda, mia miassn sparn!"; "Zwoa Blatt Klobabia miassn fei gnua sei, gell!"; "Du Knallkörper!"; "Da ist mein Geschenk für Dich" (von ihr ein nagelneuer, aber leerer Geldbeutel zum Geburtstag. Beim daraufflogenden Jahrestag erhielt ich schon wieder ein solches Geschenk - ebenfalls leer -); "Du funktioniast und spuast ja so guad, gell!"; "Du bist durch nichts zu ersetzen."; "Händ aus de Hosndaschn!"; "Du gottbegnadetes Rindvieh!"; "I spring da glei mim nackadn Oasch ins Gsicht!"; "a Kind valian is wia wannst an Hundatmarkschein valiast"; "Der hatte ja auch rote Haare." (ihr Kommentar über eine mir gut bekannte Person, die am Leben verzweifelte und sich selbst richtete); "ja mei, hamms gsagt, wann oana ganga is, na machma hoid wida oan"; "Hastas fei genau beinand!"; "Wannst ned wuist, kannst ja gehn"; "Viel Feind, viel Ehr"; "Du Kind Gottes"; "Du Narr in Christo!"; "Du mit Deinem heiligen Köapa!"; "Du bist ja total vaklemmt!"; "Da Klügare gibt nach!"; "Du bist doch viel zu emotional!"; "Du bist ja Wax in de Händ vo andare!"; "Keine Exberimente!"; "Wenn mia uns streitn, nacha blos zwengs de Kinda!"; "Ga-ga-ga-ga!" (er äfft eines seiner Kinder beim Stottern nach); "vo Bolidik verstehst Du nix, Du Unpolitischa"; "Scheiß Schule!"; "Du bist do nua deshoib so weit ghupft, weilst vorhea zwoa Schnitzl griagt hast" (ihr Kommentar zu meiner erfolgreichen Teilnahme am Gau-Kinder-Turnfest 1968); "Da spielt eine Bäänd!" (eine seiner Lautsprechadurchsagn im Schimpansium); "Bass fei auf gell, beim Rückwäatsfahrn bassian de allameistn Unfäll." und "Halt-halt-halt mein schönes Benzin!" (er während seines Zwangsnachhilfeunterrichts - erste Stunde - zum Fahrschulunterricht, als ich bei abgestelltem Motor mit dem rechten Fußballen ein Gaspedal betätigen durfte); "Des Kilotrumm Hartwurscht kimmt fei a no nei gell!" (sie beim Packen des Koffers für 14 Tage Englisch-Nachhilfekurs in London); "antanzen lassen" (Antreten lassen zur Zwangsnachhilfe im Schulfach Englisch); "Des war ja a Schnellsiedekurs in Punkto Lebnserfahrung" (ihr Kommentar anlässlich meines 30m-Absturzes - Sept. 1975 - in der Alpspitze Nordwand, Wettersteingebirge); "Ja gehst schon wida zua de Primitivlinge vom Verein?", "Ja mei, I moan, des Dings hamma vahunagglt oda vaschustert oda vakuhwedelt."; "A Aufklärung woidst ham? Ja zwengs wos nacha ha? Unsa Hund hat des do a net braucht Du Depp!"; "Mundus vult decipi"; "Höa sofoat auf mit dera blödn Nega- und Bumsmusi!"; "Du hast ja Minderwertigkeitskomplexe"; "Wos, Mobbing? Ja stell di net so o, d' Kiah auf da Insl Wörth mobbn si a an jedan Dog"; "Ja jetz weads aba Zeit!"; "Trag net so lange Haar, sonst kriagn d'Leut Angst voa Dia."; "Des woast fei gell, dass ab sechsazwanzge kräftemassig bergab geht"; "Schaug, dass d' weida kimmst!"; "Der ghört nausgschtampert!"; "Des wagglt ja wiara Kuaschwanz!"; "Der is ja übastanti"; "Sag braugst no irgend was?"; "Etwas Braunes" (sein Kommentar zu meiner Jugendliebe); "Du hast ja Händ so groß wia Abortdeckl!"; "Verdammt" (ihr Kommentar, als sie erfuhr, dass eines Ihrer Abkömmlinge sich der Scientology-Sekte angeschlossen hatte); "Und wissts des a, dass dem a Schweineherzklappn gem ham?" (ihr Kommentar am Hochzeitstagstisch über einen wegen Herzinsuffizienz früh verstorbenen Kollegen); "Und wanns zwanzg moi as Telephon leit, lasst`s as leitn, is ja eh nua d`Tant Anni"; "Na, d'Nanni braucht koa Sozialvasicharung"; "Da Barras had no nia gschod."; "Ja mechadst ebba moralisian, ha?" ( er zornig brüllend anlässlich meines erregten Kommentars zu einem Bericht - im Lesebuch Deutsch 12. Klasse - über die Bajonettierung jüdischer Säuglinge durch die SS); "De vom Totnkopfverband, des warn'd bestn."; "Auschwitz war doch nua da anus mundi."; "Kuaz und schmeazlos, ruckzuck, zack, aus!"; "Jawoll, hadda gsagt"; "Und dann samma nacha nei nach Radom!"; (eine seiner sehr seltenen Äusserungen über die NS-Zeit und seinen Polen-Einsatz bei der Wehrmacht); "Jetz stellts Eich des amoi voa: unsa Hund hat sei ganz Lebn lang imma des Gleiche gfressn!"; "wea nix sagt, der kriagt nix"; "So was ghört doch im Seichhaferl datränkt!" (er über seine Enkelin); "weißt Du schon, dass er sehr sehr sparsam ist und stottert?" (sie über ihren Sohn zu ihrer zukünftigen Schwiegatochta); "Bist ja net da gwen, wiari verdeilt hob"; "Gibst Du es an?" (seine Frage - ausnahmsweise auf Hochdeutsch gestellt - , ob ich seinen in Aussicht gestellten Voraus beim Finanzamt melde; eine Frage, die ich sofort bejahte. Freilich bekam ich dann nichts mehr); "Aba mia ham uns doch blos gfrozzlt." (ihr Kommentar zu 55 Jahren coram publico gelebter Streit- und Anschreiehe); "Was für Hennen?"; "Mei, a so a gscheida Bua"; "Ja wos, a Publikazion wuist gschrim ham, ja wiavui Goid hasdn nacha dafüa griagt ha?".

Demütigende, menschen-, kultur-, gemeinschaftsverachtende und -zerstörende Giftsätze: permanente Grenzüberschreitungen, seelische Dauervergewaltigung, Niedertracht pur, Gossensprache ewig Gestriger, die in der Öffentlichkeit ihre Belesenheit, Fortschrittlichkeit und Intellektualität nur mimten. Hier sind sie wieder, Vertreter der "Stützen unserer Gesellschaft", wie Otto Dix sie treffend portraitierte. Solche Aggressoren kennen nur Zwang und Gewalt in der privaten Kommunikation und als Erziehungsmittel. Erst bin ich erschaffen und dann bis aufs Blut gequält worden; so war das damals; ich war ganz gewiss kein Kind wahrer und großer Liebe, sondern nur Mittel zu profanem Zweck.
Dieser verheerende und brutale dissoziale Einfluß hat die Qualität meiner Umgangsformen und Verhaltensweisen vorübergehend negativ beeinflusst; aber ich war nicht komplett und irreversibel verrohbar.

Die dafür Verantwortlichen haben ausserdem meine gesetzlich garantierte Chancengleichheit absichtlich mit Füßen getreten, weil sie mich nicht dauerhaft unterwerfen und funktionalisieren konnten und sie bis heute meinen, humanbiologische Reproduktion - das "Kindamachn" - sei wertvoller als Kulturarbeit und Wissenschaft. Ich hatte kaum Möglichkeiten, Selbstwert, Selbstvertrauen, - sicherheit, eine gesunde Identität - das "Urvertrauen" - und faire verbale Schlagfertigkeit zu entwickeln. Artikel 126-1 ("Die Eltern haben .... die oberste Pflicht, ihre Kinder zur .... seelischen Tüchtigkeit zu erziehen") der Bayerischen Verfassung blieb dauerhaft unbeachtet. "Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung" (§1631/2 BGB).
Obendrein verletzte mich, dass in der Anstalt die Mobber für ihre über Jahre gegen mich gerichteten Angriffe fast nie von den Autoritäten gerecht bestraft wurden und dass letztere diesen Unfug nicht unterbunden haben. Ich wollte doch nur, dass man mich endlich in Ruhe und in Frieden lässt. Statt dessen wurde ich immer wieder schwer provoziert. Mir blieb als Jugendlicher damals nichts anderes als die körperliche Selbstverteidigung, was ich als besonders demütigend empfand.
Oft war es doch so, dass ich infolgedessen vor der Gruppe sehr unsicher auftrat, stotterte, ich nur selten laut und sicher sprechen konnte und bei geringsten Anlässen errötete. Die Exposition beim freien Sprechen vor Allen war mir unerträglich. Diese meine Schwächen waren allen in der Gruppe bekannt; niemand versuchte, mir dabei zu helfen, sie zu mindern. Auch in anderen Fällen wurde wegen günstiger Aussicht auf noch mehr eigenen Vorteil viel zu oft nicht geholfen, indem man offensichtliche Schwächen beließ oder sie mit entsprechendem Verhalten absichtlich verstärkte.
Wie kann denn dann bei solcher Tatsachenlage Ihr Verhältnis zu mir so sein, wie ich Sie ein paar Absätze oberhalb wörtlich zitierte? Es darf doch nicht wahr sein, dass Ihnen das alles egal war, was mir damals auch in Ihrem Beisein angetan wurde. Oder hatten Sie das alles nicht wahrgenommen? Das kann nicht sein: die für mich unerträglichen und beschämenden Raufereien und Pöbeleien, zu denen man mich immer wieder provozierte, konnte niemand aus der Gemeinschaft übersehen oder überhören. Spürten Sie wenigstens ein einziges mal Mitleid? Wie gerne hätte ich diese Hänseleien so bald wie möglich ein für allemal friedlich beendet.
Zu diesen sehr problematischen Erfahrungen, die normale Alltagserfahrungen weit übertreffen, kam der von nicht wenigen Autoritäten dieser Bildungseinrichtung damals exerzierte und exekutierte ultra-autoritäre Arbeits- und Kommunikationsstil, der im klaren Konflikt zu
Artikel 131-1 ("Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden") der Bayerische Verfassung stand; allen - auch in seinem vorauseilendem Gehorsam - weit voran preschend eine Fachkraft für Altsprachen: wahrlich ein Folterknecht, der uns ein besonders hohes Arbeitspensum aufzwang, grundlos extrem streng und hart bewertete, uns mit einer Flut von Strafen quälte ("Kapitel 15 und 16 übersetzen!"; "Verweis!", "Arrest!", "Steh auf und stelle Dich nun ganz aufrecht und frei in den Gang und halte Dich nirgendwo fest, wenn Du ausgefragt wirst.") und uns mit zynisch-aggressiven Bemerkungen ("Jedem das Seine.") erniedrigte; dicht gefolgt von zwei Fachkräften für die Sprache der Naturwissenschaft, deren Wortwahlen gelegentlich ins Trivial-Ordinäre und/oder Sadistische abstürzten. Hierzu einige verbürgte Zitate:
- zornig-brüllend: "I reiß Enk an Oasch bis zum Gnack auf",
- unverschämt fordernd: "Nicht winseln sollt Ihr, sondern schneller arbeiten!"
- giftig-hasserfüllt-bellend: "Im Ostn hätt' ma mit Eich an kuazn Brozess gmacht: Zack, Rübe ab!",
- ganz ruhig und eindringlich: "Eine Drahtschlinge um den Hals erzeugt einen dünnen blutigen Einschnitt" (Beispiel zur Veranschaulichung eines der physikalischen Gesetze der Mechanik: Größe der Kraftwirkung einer Masse - der Druck/Zug - ist indirekt proportional zu Größe seiner Auflagefläche),
- streng-wissenschaftlich-sachlich: "Geschosse mit Drall - der in den Gewehrlaufrohren erzeugt wird - können auf ihrer Flugbahn nicht mehr taumeln und erzeugen so in den Zielkörpern Einschußlöcher, die man als absolut sauber bezeichnen kann",
- zynisch-belehrend: "Wess' Brot ich ess', dess' Lied ich sing!",
- gleichgültig-gelangweilt: "A Guada hoids aus, und um an Schlechtn is ned schod.".
Andere Lehrkräfte hielten da durchaus mit; einige Beispiele:
- rassistisch: "Ja Kruzi-Negalein!",
- spöttisch: "Schlechte Note? PePe: Persönliches Pech!",
- höhnisch: "Nun steig doch mal herab von Deiner langen Leitung!";
- herrisch-arrogant und von oben herab: "Sprich lauter und deutlicher, und zwar jetzt", "Na wirds bald?".
So hörte sich "deutsche Pädagogik" mit Dampframme und Vorschlaghammer an; da ist bewusst und ganz absichtsvoll alles Saatgut zertrampelt, zerquetscht, zerstampft und pulverisiert worden. Grobe und seelenverletzende Kasernenhof-Pöbeleien Halbstarker und geistesschlichter, schlecht gelaunter und aggressiver Katastrophengestalten im ehemaligen Land der Dichter und Denker. So verhindert man erfolgreich und nachhaltig die Entstehung einer guten Beziehungsqualität zwischen Schülern und ihren Lehrbeauftragten. Da war bis zum zeitlichen Horizont nur mehr Demütigungskultur zu erkennen, in der positive Wissensvermittlung an Jugendliche und ihre Intellektualisierung garantiert ausgeschlossen war. Ähnliche, den sozialen Frieden, das humboldtsche Bildungsideal, die Humanität und den Generationenvertrag zerstörende, gewaltsam realisierte, todtraurige Machtverhältnisse haben schon lange vorher - unabhängig voneinander - im Jahr 1905 Heinrich Mann in "Professor Unrat" ("Sie sollen nicht denken!" .... "Noch heute werde ich von Ihrer Tat dem Herrn Direktor Anzeige erstatten, und was in meiner Macht steht, soll - traun fürwahr - geschehen, damit die Anstalt wenigstens von dem schlimmsten Abschaum der menschlichen Gesellschaft befreit werde!") und Ludwig Thoma in den "Lausbubengeschichten" (Der Anstaltsdirektor: "Ruchloser Bube Du, wann wirst Du uns endlich von Deiner Anwesenheit befreien?") facettenreich und genial dargelegt. Siehe auch die Beschreibung des prügelnden Präfekten im Klasszimmer einer Dubliner Schule (in: James Joyce 1916: A portrail of the artist as a young man; New York, 299 Seiten). Es ist eine todtraurige, wohl typisch deutsche Angelegenheit, dass die zur Schriftsteller-Weltelite zählenden Persönlichkeiten Heinrich und Thomas Mann keine Schulabschlüsse erreichten; Frage an das Bildungs-und Wissenschaftsministerium: vom Schulversager zum Literaturnobelpreisträger: was ist nur geschehen im Lande der Dichter und Denker? Siehe auch Hermann Hesse (1906): "Unterm Rad". Ganz ähnlich die Schul-Kommentare von K. Tucholsky: "Schade um die verlorene Zeit."; R. Walser: "...und Lehrer werden? Ich würde lieber sterben." (Aus: Michael Skasa: Sonntagsbeilage vom 18.09.2011); und A. Andersch 1978: "Dumm ist er nicht, nur faul!" (In: Der Vater eines Mörders, hrsg.1980); Karl Valentin: "Sieben Jahre Prügel sind genug!"; Udo Jürgens: "... Der Lehrer hat uns knien lassen, wenn er den "Spanischen" geholt hat ... Das war eine Vorstufe der Folter." (SZ Magazin 36: 18 vom 28.08.2014). Personal mit mangelhaften pädagogischen Eigenschaften war an diversen Einrichtungen auch in der zweiten Hälfte des 20. Jhds. präsent, wie in DIE ZEIT Nr. 4: 63-64 vom 21.01.2016 von prominenten Schulversagern berichtet wird: "Die Lehrerin hat mich ausgelacht" (Ahmet Toprak, Professor für Erziehungswissenschaften); "Ich quälte mich, von den Eltern angstvoll gestützt" (Sabine Rückert, Chefredakteurin der ZEIT); "Schule war eine nebelhafte Veranstaltung" (Thomas Fischer, Bundesrichter); "Ich saß häufiger im Wirtshaus als in der Schule" (Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg).
Obwohl hier schon Anfang des 20. Jahrhunderts von Philosophen und Schriftstellern die Bildungsmisere perfekt analysiert und laut auf sie aufmerksam gemacht wurde, sind diese besonders wertvollen System-Diagnosen von den Entscheidungsträgern in der Erziehungs- und Bildungseinrichtung zum Schaden aller - betreffend ihren kulturellen und sozialen Status und ihre seelische Gesundheit - anscheinend bis heute nicht wirklich ernst genommen worden. So ein System führt zu keiner wahren Humanisierung und echten Intellektualisierung der Gesellschaft, sondern nur in Richtung Talibanisierung. Jede Gesellschaft bekommt eben ganz genau die Entscheidungsträger und Multiplikatoren, die sie verdient. Wissensvermittlung und freudiges selbständiges Lernen kann nur in einem positiv gestimmten Umfeld gelingen. Es wäre der bessere Weg gewesen, einige Dogmen der Pädagogik aufzugeben: lebendiges Lehren und Lernen (Ruth Cohn) zu ermöglichen und die Schwarze Pädagogik für alle Zeiten letzter Klasse zu begraben und sich bei den Geschädigten zu entschuldigen.
Am Entsetzlichsten empfand ich aber die immer wiederkehrenden und hochnotpeinlichen Erzählungen über den letzten Weg von Gottes Sohn, die - neben anderen - Kaplan Günter M., eine "Fachkraft" der Anstalt, mit unverkennbarem Genuß darbot: "... und dann erfolgte die zweite Geißelung am Kreuz; das war pikant!".
Mehr.
Dazu gab es leider auch noch einige andere dieser autoritären Sorte, die aufzuzählen aber nicht mehr lohnt.
Friedlich und empfindsam wie ich eben war, haben auch diese großen seelischen Stressoren meine intellektuelle und seelische Entwicklung erheblich verzögert, aber nicht verhindern können. Freilich musste sich keiner dieser Verbalsadisten jemals für seine Verbalinjurien in Straf- und Disziplinarverfahren verantworten; freilich hat sich keiner dieser Verbal-Berserker jemals selbst vor den Gekränkten, Beschämten und Verängstigten entschuldigt. Kann man das wirklich so belassen und weitermachen, als sei nichts geschehen? Geht man wirklich so mit jungen und hoffnungsvollen Menschen um? Wie sehr sehnte ich mich, ohne dies damals klar ausdrücken zu können, nach wahren und echten Autoritäten, denen ihre Bildungsarbeit mit Jugendlichen ehrliche Freude bereitete, die gerne mit jungen Menschen zusammen waren, vor denen man keine Angst zu haben brauchte und die man deshalb nie hassen lernte. Mit folgender Einstellung wäre vieles besser gelaufen: "Lehrer sind die wichtigsten Menschen der Welt. Sie halten die Zukunft in Händen. Wir müssen die Lehrer sorgfältig auswählen. Wir müssen sie gut bezahlen. Das Lehren darf nicht nur aus Inhalten bestehen. Lehrer müssen auch Vorbilder sein. Und wer als Lehrer nichts taugt, darf nicht unterrichten.": Nobelpreisträger Dan Shechtman, Entdecker der Quasikristalle; in: SZ 153: 16 vom 05.07.2016. Aber weil diese Einstellung zum Lehren damals wie heute irrelevant geblieben ist, kam es, dass ich damals unter oben genannten verheerenden Einflüssen seelisch und kommunikativ regredierte.

Sie fragten nach dem " ...Part, den ich in Deinem Leben gespielt habe". Hier ist er: ich bewunderte damals Ihr souveränes Auftreten, Ihre Selbstsicherheit und Ihr Selbstvertrauen. An diese Fähigkeiten, die Ihnen damals das Vertrauen vieler brachten, wäre ich gerne auch nur ein kleines bißchen herangekommen. Sie waren in dieser Hinsicht damals für mich ein unerreichbares Vorbild und ich fühlte mich Ihnen gegenüber als der viel Schwächere.

Sie waren damals für viele der Gruppe Vertrauensperson und hatten etws zu sagen; Ihr Wort hatte Gewicht. Aber warum nur machten Sie damals Ihren großen Einfluß nicht wenigstens ein einziges mal ausnahmsweise auch zu meinen Gunsten geltend und ließen mich weiterhin im Mobbing-Regen stehen? Warum wiesen Sie die Mobber nie in ihre Schranken? Warum halfen - wie alle anderen - auch Sie mir nicht?

Als ein von seinen Anlagen her sehr geselliger Mensch bin ich damals von dieser Gemeinschaft und anderen Gruppierungen, in denen ich mich ohne dauerhaften Erfolg zu etablieren versuchte, wider Willen immer mehr in die Außenseiterposition gedrängt und nach dem Abgang fallen und alleine gelassen - sich selbst überlassen - worden. Wesentlich dazu beigetragen hat zudem folgendes: Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bin ich zur selben Uhrzeit, am selben Tag und im selben Jahr in dieselbe Bildung-Institution geschickt worden, in der auch ein naher Verwandter von mir zu arbeiten begann. Ich bin in diese gesetzeswidrige, aber leider von allen Verantwortlichen geduldete Situation einfach hineingezwängt und nie ohne Druck und ohne Suggestion gefragt worden, ob mir das recht war. Noch weniger habe ich zu verantworten, dass in den sich scheinbar endlos dehnenden Jahren bis zur Entlassung aus dieser Einrichtung dieser nahe Verwandte regelmäßig vor der Parallelgruppe Dienst tat und sie mit seiner ganz speziellen "Schwarzen Pädagogik" besonders delektierte. Durch die unerträglich peinliche und höchstgradig problematische Einflußnahme dieser Person wurde der für alle geltende Gleichheitsstatus einer das normale Maß übersteigenden Belastungsprobe ausgesetzt, an der die Gruppensolidarität zerbrach. Ich hörte mehrmals, wie man mir Vorteilnahme unterstellte. Auch deshalb begann man mich zu mobben und zum Sündenbock zu machen. Und im Laufe der Zeit wurden immer bessere und wirksamere Methoden erfunden und angewandt, um mich in der Gemeinschaft zum Sonderling zu machen und kalt und schleichend hinauszudrücken.
So fühlte ich mich fremd in der Gruppe und fand - bis auf wenige Ausnahmen - aus der Rolle des immer öfter aus den Gemeinschaften Ausgegrenzten nicht mehr heraus. Es leuchtet ein, dass diese Gruppensituation meiner eigenen geselligen und freundlichen Natur damals sehr abträglich war: wachsende Befangenheit, Unsicherheit, Bedrücktheit und Entmutigung verstärkten meinen Regress.
Diese Entwicklung war mir gar nicht recht und ich hatte damals bereits große Angst, weil ich nicht verstand, warum man mich entweder durch Nichtinformation oder durch Abweisen immer wieder draußen vor der Türe ließ. Trotzdem lief ich vermeintlichen Freunden die Türen ein, ließ nicht locker, drängte mich - mich selbst durch dieses Verhalten beschämend - auf. Es nützte nichts und letztendlich stand ich immer wieder im Abseits. Beispiele:
- "Du lachst umsonst"; "Raus mit Dir, geschlossene Gesellschaft!", spottete und schimpfte man, als ich in einer Kneipe Gesellschaft suchte;
- "Ich habe Dich gestern gesehen - Du warst ganz alleine!" und "Man kann Dich so gut ausnutzen!", sagte man mir in einem Verein;
- "Das überlassen wir doch am besten dem Zufall, wann wir uns wiedersehen", beschied mir B.;
- "Na, voll drin?", schrie man mir bei einer Studenten-Fete höhnisch über den Biertisch zu;
- "Jetzt wird es aber höchste Zeit, dass Sie in einen Puff gehen und dort endlich Erfahrug sammeln.", meinte ein Erzmineralogie-Professor genüßlich coram publico während einer großen Exkursion;
- W. ließ eine von mir rasch auf einem Stück Papier gefertigte geologische Skizze, für deren Datengrundlage ich Monate im Gelände geschwitzt habe, vor meinen Augen kommentarlos in den Papierkorb segeln;
- "Mia schmeißn Di scho naus!";
- "I' werd' jetz' auch Lehrer, mit Doppel-e!";
- "Zeige Deine Wunde!" (verhöhnte mich ein Erzmineralogie-Professor anlässlich einer Zwischenprüfung);
- "Sie mit Ihren soft facts, Sie Langweiler! Viel lieber ist mir der hard sex!", verhöhnte mich ein Erzmineralogie-Professor im Verlauf einer Diskussion, die ich erfolglos auf wissenschaftlichem Niveau zu halten versuchte.
Die Anzahl meiner Kränkungs-, Entwertungs-, Frustrations-, Niedertrachts- und Mißachtungserfahrungen sind Legion. "Worte - und Gesten (Ergänzung durch den Verfasser) - können schwerer verletzen als Taten" (Prof. J. Goodall); "Sprache kann ... töten" (Herta Müller 2012); es ist wahr: auch mit Worten kann man ermordet werden: "Spring doch!". "Lass Dich nicht aufhalten." Bei so viel Gegenwind kann kein Ur- oder Weltvertrauen entstehen.
Wie gerne wäre ich damals mit dabeigewesen; mit echten Freunden zusammen gewesen! Das, wonach ich am meisten strebte - nämlich Geborgenheit in Gemeinschaften und damit bestätigte gesellschaftliche Akzeptanz -, blieben mir damals ohne erklärbaren Grund verwehrt. Immer deutlicher merkte ich, wie der Boden unter mir dünner wurde, aufzubrechen begann und einen eiskalten und tiefschwarzen Angstozean darunter freigab, in dem ein Ausgesetzter und Verstoßener zu ertrinken begann.

Es geschah an einem Sonntag im Ferienmonat August, als ich meinen Ängsten nicht mehr standhalten konnte und ich einen kompletten Nervenzusammenbruch erlitt: jeden Moment meinte ich, mein Herz müsse stehenbleiben oder der Schlag würde mich treffen oder ich müsse ersticken. Es war die Zeit, in der ich dachte, meine Ziele nicht mehr erreichen zu können, weil ich auf dem Weg dorthin zusammenbreche, liegenbleibe und an Schwäche sterbe. Ich traute mich nicht mehr alleine über die Straße, ohne von meiner damaligen Lebensgefährtin gehalten zu werden, denn ich hatte Angst, beim nächsten Schritt vor Schwäche tot zusammenzubrechen. Und immer wieder drängten die Gespenster-Gedanken vom Lebensende herein: es wäre doch eine Erlösung, nicht mehr zu zögern und mir doch nun endlich selbst den Gnadentod zu gönnen, um mir selbst und anderen nicht mehr zur Last zu fallen.
Ich litt unter schweren Albträumen. Beispiel: Alleine gehe ich über einen schönen grünen Bergsattel hinüber zu den Steinernen Almhütten. Alles ist ruhig und friedlich dort und die Sonne scheint warm. Aber ich gehe seltsam langsam und ein wenig beschwerlich. Trotzdem komme ich gut voran und nähere mich den Hütten. Dort wird aber der sanfte Wiesengrund felsig und von den massiven Mauersteinen der Hütten fegt ein eiskalter Wind heran. Niemand ist dort; alles ist tot und leer; trostlose Verlassenheit und Verlorenheit; hier war schon lange keiner mehr. Dann sehe ich, dass die Almhütten innen drinnen mit blankem Eis erfüllt sind. Das Gehen fällt mir immer schwerer und als ich an mir hinab blicke, sehe ich, dass meine Füße fehlen und ich nur auf den Beinstümpfen stehe. Weiter oben an mir bemerke ich, dass das Hemd zerfetzt und mein Oberkörper weit aufgerissen ist. Trotzdem gehe ich wortlos und zäh meinen Weg weiter, an den Hütten vorbei, immer hinauf.
Ich müßte einen neuen Begriff finden, der dieses verheerende Gefühlsgemisch aus grenzenloser Verlassenheit, Hoffnungs- und Hilflosigkeit, Schwäche, Frustration, Trauer, Verzweiflung und allgegenwärtiger Panik am besten trifft. Stellen Sie sich die Bilder Edvard Munchs Der Schrei oder Caspar David Friedrichs Das Eismeer oder die verunglückte Hoffnung vor, oder lesen Sie Georg Heyms Jonathan, oder denken Sie an die letzten Sekunden der in den Fenstern des ehemaligen New Yorker WTC auf Rettung Wartenden vor, als in der steigenden Gluthitze der Boden nachgab und sie brennend zu stürzen begannen: so wird für Sie vielleicht besser verständlich, was dieser Begriff ausdrücken soll. Wissen Sie einen? Sicher nicht!

Diese Grenzerfahrung, dieses "im Angesicht des psychischen und sozialen Todes seiens" war bei weitem der tiefste Einschnitt, den ich bisher erlebt habe. Gleichzeitig war dieses Ereignis aber auch Gelegenheit zur Neuorientierung: eine Chance zum Neustart, die ich bestmöglichst zu nutzen wusste. Wie schön und beruhigend ist es, großteils aus eigener Kraft einen neuen, viel freundlicheren und freieren Lebensabschnitt begonnen zu haben. Hans Christian Andersens "Häßliches Entlein" wurde lieber Schwan. Ich genieße nun meine Eigenständigkeit und Selbstwirksamkeit. Wie gut das tut, mit letzter Sicherheit zu wissen, dass es einer erdrückenden, verstockt sturen und gleichgültigen Mehrheit und Übermacht nicht gelang, mich in den Orkus zu drängen.

Sie mutmaßten zynisch, dass ich
"wohl gerade dabei sei, mein bisheriges Leben aufzuarbeiten". Diese Erinnerungs-, Spiegelungs-, Übersichts- und Selbstoperationsarbeit, eine - hier ausnahmsweise sehr nützliche - Qual für solche, deren natürliches Daseinsrecht von kotzengroben und voreingenommenen Mitmenschen (Angehörigen, Kameraden- und Kollegendreckschweinen) ohne Unterlass in Abrede gestellt worden ist, habe ich erbracht, so gut ich nur konnte. Aber wirklich fertig ist man damit wohl nie; das weiß jeder, der sich
- wenigstens ein bißchen traut, über seinen Plastik- oder Goldtellerrand hinauszuschauen und
- sich unerbittlich ehrlich in Selbstkritik und Selbstreflektion übt.
Sind Sie diese Arbeit schon angegangen? In Ihren Zeilen kann ich davon nichts erkennen. So wie ich Sie einschätze, meinen Sie wegen Ihrer Überheblichkeit wohl, dass Sie so etwas gar nicht nötig haben.

Wir alle machen Fehler, weil wir nur Menschen sind. Aber ich bin der Meinung, dass ich damals nicht das entscheidende Quantum Mehr an Fehlern begangen habe, das meine brutale Ausgrenzung aus dieser Zufallsgemeinschaft tatsächlich gerechtfertigt hätte. Und da mir noch nie jemand konkrete und wohlbegründete Fakten nannte, die meine Position widerlegt hätten, schließe ich, dass meine Fehler nicht besonders schwer wogen. Ich denke sogar, dass einige, die in der Gemeinschaft integriert bleiben durften, mehr Fehler als ich begingen. Sicher ist, dass mir damals unverhältnismäßig mehr und vollkommen unbegründet schwerstes seelisches Leid zugefügt worden ist, indem man mir endlose Male den Weg ins Nichts, zum Ausgang und in letzter Bedeutung zum Exitus wies: "beeil Dich und verreck doch endlich!". Besonders enttäuschend war für mich, dass das von einer schweigenden Mehrheit gebilligt worden ist und dass sie - wie bei Ausführung verwerflicher Gier - vom Mobbing und dem sich Weiden und Freuen am Elend des Gemobbten nie genug bekommen konnte. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass auch nur eine Person dieser Gemeinschaft mir freiwillig ein einziges mal aus meiner Bedrängnis geholfen hätte. Kann schon sein, dass einige mich sogar schätzten und mir helfen wollten, aber wegen des Gruppenzwangs nicht die Courage dazu aufbrachten, weil sie sich dann selbst auf die Mobbing- und Abschußliste gesetzt hätten; leider nutzt der gute Wille alleine nichts. Eine gnadenlose Gemeinschaft an ihrem absoluten moralischen Nullpunkt, den sie all die vielen Jahre bis zum Abgang und freilich auch die darauffolgenden Jahrzehnte in grandioser Sturheit hegte, pflegte und gedeihen ließ. Spätestens hier wird deutlich, wie anstrengend und unangenehm für Täter und Mitläufer das "miteinander Reden" mit Bedrängten werden kann, wenn sie Gründe nennen sollen, warum sie Schwächere/Empfindlichere über Jahre quälten bzw. untätig blieben. Unter diesem Aspekt kann die sokratische Einsicht auch verstanden werden, warum "es leichter ist, unter denen zu sein, die Unrecht erleiden, als unter denen, die Unrecht tun". Philosoph Hans Magnus Enzensberger: "...Man macht Fehler. Man kann sie aber auch zugeben. Das ist nicht so schwer...".

Die moralische Qualität von Gemeinschaften steht und fällt damit, wie sie gruppensolidarisch gesonnene Schwächere und Empfindlichere integriert und in welchem Ausmaß sie ihnen beisteht und sie unterstützt. In jeder ehrlichen und fairen Gemeinschaft geht es doch darum, dabei zu helfen, die Schwächen einzelner zu mindern und nicht darum, sie zu verstärken, um vermeintliche eigene Machtpositionen weiter zu festigen.
Jede Gemeinschaft schadet sich selbst am meisten, wenn sie in archaischer Manier innere Spannungen und die Wirkungen externer Stressoren durch Mobbing an Vertretern von Minderheiten zu lösen versucht, indem sie diese erst psychisch und physisch quält und dann sozial mordet. Es ist zum Überdruss allgemein bekannt, wie brandgefährlich es werden kann, wenn "Gemeinschaften" absichtlich Desperados züchten. Traurig nahm ich die Tatsache zur Kenntnis, dass Mobbing auch nach 50 Jahren in aller Munde ist (SZ 204: 03 vom 3./4.09.2016); denn dieses Ereignis bestätigte meine obigen Ausführungen dahingehend, dass sich die Verhältnisse inzwischen nicht gebessert haben.

Mit dem dummen Inhalt Ihrer Zeilen haben Sie in mir ein letztes mal das Wüten und den Zorn der ganzen Welt heraufbeschworen: es verletzt unsäglich, als seelisch schwer Versehrter in gleicher Sache wiederholt gekränkt worden zu sein, indem Sie - Ihr geheucheltes Nichtwissen bemühend - indirekt behaupteten, von meinem Leid nichts bemerkt zu haben sowie voreilig mit dem Allgemeinplatz sich verdünnisieren wollten, "dass für Dich nun alles was mich betrifft geklärt ist". Das erinnert an nichts anderes als an die obligatorische Wirklichkeitsverweigerungstaktik, die nach erfolgreicher Auflösung totalitärer Unrechtssysteme die Täter- und Mitläuferschaft epidemisch befällt. Ihr Schreiben ist oberflächlich, meidet feige die meisten Hauptpunkte unseres Konfliktes, läßt Offenheit und Ehrlichkeit vermissen und erscheint mir nicht nur stellenweise hilflos. Das hat mich sehr enttäuscht. Wenn das schon alles war, was Sie mir mitzuteilen hatten, dann tun Sie mir sehr leid.

Der in Ihrem kurzen Schreiben an mich per Datum und Unterschrift bekundete absolute Totalwille zum Leugnen, Lügen, Bagatellisieren und Euphemisieren ist derart markerschütternd deutsch, dass man ihn jederzeit gerne auch als arisch bezeichnen kann. Und all die anderen Botschaften zwischen den Zeilen Ihres Schreibens, die Sie mir unbewusst übermittelten, kommentiere ich hier besser nicht; der Volksmund kennt dafür eine große Zahl sehr treffender und deftiger Kommentare. Ihr Text zeigt auch, dass Sie in all diesen Jahrzehnten keinen einzigen Millimeter vorangekommen sind, Sie Sitzenbleiber/in! Sie haben damals versagt, indem Sie schon als junger Mensch Ihre Macht mißbrauchten: erst unterließen Sie es, mir zu helfen; dann mobbten Sie mich. Und dazu können Sie nicht stehen, da Sie aus so einem Holz nicht geschnitzt sind. Sie haben mir genau das Gegenteil der Wahrheit geschrieben und sich selbst damit am meisten geschadet. Im Innersten aber fühlen Sie sich mir gegenüber ganz zurecht schuldig und meiden deshalb den Kontakt, weil Sie die Peinlichkeit Ihrer überfälligen Erklärung fürchten. Ihr schlechtes Gewissen, Ihre Hilflosigkeit und Angst mir gegenüber ist Ihr eigenes Problem, das alleine Sie selbst mit Bedacht geschaffen haben.

Und sollten Sie an dieser Stelle immer noch fragen, was dieser aufgewärmte alte Kram denn soll, dann versuchen Sie, folgende Grundaussage zu verstehen:
"WAS DER MENSCH SEI, SAGT IHM NUR SEINE GESCHICHTE. UMSONST WERFEN ANDERE DIE GANZE VERGANGENHEIT HINTER SICH, UM GLEICHSAM NEU ANZUFANGEN. ABER SIE VERMÖGEN NICHT ABZUSCHÜTTELN, WAS GEWESEN; UND DIE GÖTTER DER VERGANGENHEIT WERDEN ZU GESPENSTERN. DIE MELODIE DES LEBENS IST BEDINGT DURCH DIE BEGLEITENDEN STIMMEN DER VERGANGENHEIT" (Wilhelm Dilthey 1833-1911).
Oder kurz und knapp: wer seine Vergangenheit nicht kennt, der hat keine Zukunft. Nun nochmal zur Verdeutlichung: Sie lesen hier keine ollen Kamellen! Kein Mensch entkommt seiner Geschichtlichkeit; und das gilt erst recht für Sie.

Was blieb mir damals Substanziell-Tiefgreifend-Schönes in dieser verzweifelten und prekären Lebensphase, das für mich sinnstiftend und emotionalen Halt gebend war in all der entgrenzten Verlassenheit inmitten so vieler junger und strahlender Menschen? Es waren vor allem einige der herausragenden Kulturschöpfungen, die uns vermittelt wurden:
- Beethovens 5. Sinfonie, Bachs Matthäuspassion, Ravels Bolero, Mussorgskis Bilder einer Ausstellung, Orffs Carmina Burana, Smetanas Moldau, Schuberts Gretchen am Spinnrade, Liszts Totentanz;
- die Schönheit und Eleganz der naturwissenschaftlichen Gesetze;
- Dürers Melancholia;
- Celans Todesfuge;
- der geniale Leitsatz von Sokrates: "Sprich, damit ich Dich sehe";
- Konstantinos Kavafis "Ithaka";
um nur einige zu nennen.
In diesen Welten der Kunst und des Geistes spürte ich gedankliche Tiefe, Intensität und Dynamik, Ringen um die Wahrheit, Harmonie, moralische Größe und Integrität, Transparenz, intensives Leuchten, kristallene Klarheit, Humanität, Sehnsucht, Ästhetik, Sensibilität, Vollkommenheit, Kontemplation, Erkenntnis, Dramatik, inneren Glanz sowie endlich an den Ufern in weiter Ferne die wahre und große Liebe. Es gab mir sehr viel, von diesen Zuständen und Eigenschaften zu wissen. Auf diese wunderbaren und erstaunlichen Schöpfungen des Geistes war absoluter Verlass, denn sie waren immer da und gaben mir seelischen Halt. Und all das Ästhetische und Interessante, das wir vermittelt bekamen und das ich selbst allmählich immer deutlicher in den Formen und Vorgängen der Natur zu erkennen begann, überwog bei weitem die paar eher weniger netten, dafür aber oberflächlichen Begebenheiten, welche die Gruppe daselbst nach der Entlassung durch ihr Verhalten mir gegenüber als Heucheleien entlarvte. Im absoluten und hoffnungslosen Nichts gestrandet erstummte ich vorübergehend in einer alles verzehrenden Sehnsucht nach Schönheit, Wahrheit, Humanität, Wärme und Liebe.
Hatte denn niemand aus der Gruppe auch nur eine Sekunde lang den Verdacht, dass das Verhalten mir gegenüber grundfalsch und zutiefst ungerecht war? Alle wussten doch, dass ich wegen meiner guten Ideen, Begeisterungsfähigkeit und Ernsthaftigkeit ein interessanter Gesprächspartner war. Freilich war ich damals überaus schüchtern, still-zurückhaltend, gehemmt und verunsichert. Aber wenn man mehr auf mich zugegangen wäre, mich wirklich und ehrlich integriert und mich ernst genommen hätte, dann hätte ich sicher bald Vertrauen gefasst und mich erklärt.

Zernichtender Fakt ist, dass nach dem Abgang keine einzige Person der Gruppe mich aus persönlichem Interesse kontaktierte; und das, obwohl wir alle aus einer damals eher dörflichen Gemeinde und ihrer nächsten Umgebung stammten. Das ist nichts anderes als eine unfassliche Grobheit, für die sich selbstredend keine einzige Person der Gemeinschaft bei mir jemals entschuldigt hat.
Wie kann nun erklärt werden, dass nach so vielen gemeinsam in der hoffnungsfrohen Jugendzeit verbrachten Jahren einem keiner mehr etwas zu sagen hat? Das hat, neben den genannten Gründen, auch damit zu tun, dass aller Gemeinschaftssinn - der auch in langjährigen Studien in dieser Anstalt intensiv theoretisiert und vertieft wurde - nach der Entlassung manipulationsbedingt sofort abgelegt wurde, weil im mainstream rücksichtsloses Konkurrenz- und Karrieredenken sowie optimierte Angepasstheit, Untertanengeist und Unterwürfigkeit ganz groß angesagt waren: d. h. picometergenau musste darauf hingearbeitet werden, gesellschaftlich eingerichteten und traditionell vorgegebenen Zwangsrollen zu genügen und überall und immer die erste, schnellste, intelligenteste und die beste Bestie zu sein und die reichste Bestie mit den heissesten Drähten zu den einflussreichsten Interessenverbänden zu werden. Diese alle sozialen und humanitären Grundlagen zerstörenden Systemzwänge hat schon der Schriftsteller Oskar Maria Graf im Jahr 1927 in seinem Werk "Wir sind Gefangene" prinzipiell dargelegt.

Wir hätten besser daran getan, zerstörendes Konkurrenzdenken und das "Besser-sein-Wollen-als" aufzugeben und statt dessen in aller Ruhe Erfahrungen ehrlich auszutauschen, uns in konstruktiven Dialogen gegenseitig zu stützen und uns selbst kennen zu lernen, zueinander humanitär, fair, respektvoll und ehrlich zu werden, dies dauerhaft zu bleiben und diese Qualität des Zusammenseins zu halten. Wir hätten uns ein kleines Glück der Geborgenheit schaffen können inmitten all der Schiffsbrüche und den wachsenden Unsicherheiten und Risiken; wir hätten zusammen in einem Freundeskreis uns verstehen lernen und miteinander in Frieden alt werden können. Wir Senioren könnten z. B. auch ab und an beisammensitzen und aus jahrzehnte langer Erfahrung heraus gegenwärtige Probleme diskutieren und versuchen, Lösungsvorschläge zu entwickeln. Aber wahrscheinlich ist das eh schon ohne mich realisiert worden.
Das wäre wirklich ergreifend schön geworden; etwas Besseres, meine ich, hätten wir kaum schaffen können nach dem Doof-Distress in genannter Anstalt. Denn man genießt doch nur ein einziges mal - und das nur für sehr kurze Zeit - das Glück des Bewusstseins, das neben Selbstreflexion intensiven und komplexen gedanklichen Austausch mit anderen ermöglicht. Denn vor und nach dem Leben - der Zeit des Lichts - war und wird noch weitaus weniger sein als als ewige und allumfassende, unfassbar schwarze Stille in einem zeit- und raumlosen, unendlichen Nichts. Warum hat die Gruppe denn schon zu Lebzeiten - und das bestimmt nicht im Dauerstatus nicht verbesserbarer kollektiver Unbewußtheit - diesen grauenvollen Zustand des Verlassen- und Geächtetseins heraufbeschworen und mir damit Angst und Schrecken eingejagt, indem sie mich mit größter Sorgfalt jahrzehntelang perfekt ignorierte und totschwieg? Warum ging sie mit mir so um, als wäre ich schon zu Lebzeiten tot? Warum denn ganz unnötig noch mehr absichtliche Endlichkeit draufsetzen auf die naturgegebene Endlichkeit? Als ob es nicht schon genug wäre mit letzterer.
Die Kardinalfrage geht aber an die Gruppe selbst: wie konnte es geschehen, dass sie sich selbst einen so großen Schaden freiwillig antat, indem sie auf mich völlig verzichtete? Etwa aus Dummheit? Ist es nicht unendlich traurig, was sie deshalb alles unwiderbringlich versäumte, welche Möglichkeiten sie sich nahm und wie schwer sie sich selbst verletzte? Waren wir nun im Sinne eines "Füreinander da sein" in der Gruppe oder um eines "Gegeneinander" Willen?

Für die schrillen Dissonanzen, die meine nahen Verwandten durch ihre Diensttätigkeiten in den Parallelgruppen in den Anstalten erzeugten, bin ich nicht verantwortlich. Aber es war ein kapitaler Fehler, dass sich die betroffenen Gruppen an einem fast Wehrlosen rächten, mich als Sündenbock abstraften und mich letztendlich dämonisierten. Das war Gruppensadismus und gleichzeitig Sippenhaft. Alle gegen einen, der nachweislich nicht schuldig war; das war sehr unfair und besonders primitiv. Schämt Euch allesamt für alle Zeiten in Grund und Boden! Gedenket Eurer triumphalen moralischen Schlichtheit. Rauf mit Euch auf den Schandesel am Pranger! Streut Asche auf Eure ergrauten und gelichteten Häupter! Hier setzte man doch nur ein Unrecht auf das nächste, anstatt all den widerlichen und ekelhaften Störenfrieden das in exakt derselben Qualität und Quantität zeitnahe zurückzugeben, was von denen ausging. Die externen Stressoren der Gruppe blieben wegen ihrer Macht und höheren gesellschaftlichen Stellungen unbestraft ("Da Oba schdicht an Unta") und die Gruppe selbst reagierte ihren Druck an einem ihrer Schwächsten ab. Ich kann der Gruppe ganz zu recht zurufen: "Ihr wusstet ganz genau, was Ihr tatet!" und "Warum habt auch Ihr mich verlassen?" Ihr hattet wirklich keinen vernünftigen Grund, mich zerstören zu wollen.

Ich habe damals als Heranwachsender ganz gewiss nicht darum gebeten, in eine Anstaltsgruppe gesetzt zu werden, die sich moralisch als besonders schwach erwies: die nichts Törichteres wusste, als sich über viele Jahre größte Mühe zu geben, mich - im übertragenen Sinne - zuerst zu geißeln und ans Kreuz zu nageln, um anschließend mit Triumpfgebrüll den zerhackten Kadaver in die cloaca maxima schmeißen zu können. Ich bin stolz darauf, dass sie an meinem Lebenswillen, meinem Optimismus und meiner Zähigkeit scheiterte. Aus all den Steinbrocken, die Ihr mir in den Weg legtet und die Ihr nach mir warft, habe ich ein Museum, eine Burg sowie ein großes Mahnmal für Humanität, Fairness und Frieden gebaut:
gegen verwerfliche Gewalt.

Hier ist genau das geschehen, wogegen sich die Autorin Astrid Lindgren ihr Leben lang engagiert hat: gewaltfreie Erziehung. Typisch, dass Astrid Lindgrens Dankesrede mit dem Titel "Niemals Gewalt" bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978 vom Komitee nur widerwillig geduldet war (DER SPIEGEL 39: 130-136 vom 19.09.2015).

Zu viele Gegenmenschen, zu wenig Mitmenschen: es ist klar, dass nach Jahrzehnten das Warten auf ein persönliches Kontaktsignal sinnlos geworden ist und ich diese Situation hiermit radikal akzeptiere, entsprechend dem treffenden Satz "Don't spend time on problems You cannot solve" (Prof. Sierd Cloetingh, Vrije Universiteit Amsterdam, NL). Die Folge ist, dass ich im Gegenzug das Recht für mich beanspruche, in diesem ganz speziellen Fall meinen Gemeinschaftssinn in letzter Konsequenz aufzugeben und auf keine Person der Gruppe mehr zu warten; mein Entschluß ist unwiderruflich. Allesamt haben sich so verhalten, dass sie mir nun wirklich egal geworden sind. Es tut mir mehr als nur gut, dass ich nun einen Schlußstrich unter das Hadern mit dieser schrecklicher Zeit gesetzt habe. Wie schön, wenn man so einen Klotz endlich vom Bein hat und sich mit sich selbst versöhnen konnte (Süddeutsche Zeitung Nr. 23: 3 vom 29./30.01.2011).


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Ich schreibe hier auch für alle, denen es ähnlich geht oder ergangen ist und damit diese von allen Verlassenen, ins Nichts gedrückten und vor dem Abgrund Stehenden wieder Lebensmut fassen. Sie können hier erkennen, dass selbst schwerste Traumatisierungen, verursacht durch roheste seelische Gewalt, heil- und überwindbar sind und in hohe, positive und konstruktive Lebensenergien transformiert werden können, sobald Gründe, Entwicklungsgeschichte, Form und Struktur des Schreckens erkannt und analysiert worden sind.

Ich freue mich auf all die vielen ruhigen Jahre, die noch kommen werden und auf all das, was ich in dieser Zeit zusammen mit meiner Frau schaffen werde, wovon viele andere Gemeinschaften mit menschlicherem Antlitz Freude und Nutzen haben werden. Ich freue mich um so mehr, weil ich einen Großteil meiner ursprünglichen Geselligkeit, Energie und Lebensfreude wieder gefunden habe.

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  Text online seit 23.08.2008. Ergänzung am 08.12.2016   Dr. Hubert Engelbrecht