Jenseits von Trauer, Angst und Ungewissheit:
Rückantwort, Kommentar und später Schlußstrich --
Leviten-Lesung in einem Offenen Brief

Musikalische Begleitung: "Rape me". Kurt Cobain, 1991, Nirvana

Ich habe Ihre schriftliche Antwort erhalten und melde mich erst jetzt, Jahre später, da ich lange nachdenke und vieles verwerfe, bis ich meine, ein Satz sei inhaltlich richtig und ich könne ihn schreiben. Inzwischen war sehr viel andere, vorrangige Terminarbeit zu erledigen. Ausserdem besteht nach gut 40 Jahren fast permanenter Sendepause kein Grund mehr zur Eile.

Prinzipiell war und ist für mich alles, was mit Lebensfragen zu tun hat und zwischenmenschliche Beziehungen betrifft, besonders wichtig. All dies nehme ich sehr genau. Deshalb folgt hier meine ausführliche Entgegnung - bestehend aus Anmerkungen, Kritik und Ergänzungen - zu Ihrem Schreiben auf meine Initiative, die alte Blockaden überwinden und Vorurteile ausräumen wollte sowie einen Neubeginn vorschlug. Weiter unten kommentiere ich dann auch das Verhalten der Gruppe, in der wir uns damals befanden. Ich zeige hier, wie grausam manipulierte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Schwächeren sein können und welche immensen Schäden durch Langzeit-Mobbing entstehen. Zudem geht es um die verheerenden Folgen von
- problematischen Erfahrungen in Kindheit und Jugend,
- seelischer Gewalt im Alltag,
- rücksichtslosem Konkurrenz- und Karrieredenken,
- Gleichgültigkeit und Sturheit,
- Wirklichkeitsverweigerung sowie
- antidemokratischen Strukturen in Gruppen.
Das nun folgende ist tatsächlich geschehen und keine selbstmitleidvolle Übertreibung bzw.
Selbstviktimisierung.
Einige der folgenden Passagen enthalten provokante Vorwürfe und deutliche Meinungen. Das ist auch so beabsichtigt; alles ist gut begründet. Ich stehe dazu und sehe mein Schreiben nicht nur als persönliche Anklage gegen ungesühnte Ungerechtigkeiten, sondern auch als notwendige Reaktionen auf drängende gesellschaftliche Mißstände. So darf es nicht weitergehen.

Ganz klar meinte ich unter Voraussetzung pluralistischer Lebensauffassung in meinem vorangegangenen Brief: nur durch offenen und ehrlichen Dialog können Pauschalurteile differenziert und alteingefahrene, falsche Verhaltensweisen korrigiert werden. Nur in einem konstruktiven und fairen Miteinander, nicht in einem wortlos-sturen Nebeneinander ad exitum kann man auf Dauer zusammen glücklich sein und bestehen.

Mich erstaunt das von Ihnen mir angebotene "Du", obwohl Ihrer Meinung nach damals in der Zufallsgemeinschaft, in die wir eingereiht waren, wir "nur wenig miteinander zu tun hatten", wie Sie mir schrieben. Es ist richtig, dass wir all die langen Jahre bis zur Entlassung fast nie miteinander sprachen sowie getrennte Freundeskreise und Interessensgebiete hatten. Und es ist wahr, dass dies jahrzehntelang sich bis heute fortsetzte. Deshalb bestehe ich mit Nachdruck auf der Anredeformel "Sie". Es wird zwischen den weiteren Zeilen Ihres Schreibens leider auch angedeutet, dass unsere Leben damals fast nichts miteinander zu tun hatten. Diese Behauptung halte ich aber nur für vordergründig richtig; und diese entscheidende Einschränkung will ich hier erklären:
auch wenn Einzelne in dieser Gruppe junger Menschen mit einigen nie oder nur ganz selten sprachen, so nahmen erstere doch wahr, wie letztere sich äußerten und wie sie handelten. Es ist leicht nachvollziehbar, dass sich so von jeder Person zu allen anderen der Gruppe gedanklich ein Netz direkter und indirekter Beziehungen aufbaute. Jede Person registrierte die Verhaltensweisen der anderen; in einigen Fällen wurden diese wohl auch gewertet oder mit dem eigenen Verhalten verglichen. Für mich gilt, und das auch mit einem zeitlichen Abstand von mehreren Jahrzehnten, dass damals keine Person aus dieser Gruppe in meinem Leben geistig keine Rolle gespielt hat: niemand war mir damals in der Gruppe egal. Auch wenn ich mit einigen der Gemeinschaft fast nie sprach, so war ich ganz gewiss allen gedanklich verbunden: viele haben mich mit ihren individuellen Charakteren beeindruckt und erfreut, aber einige leider auch geärgert; wie z. B. wenn jemand beim "Einser" rücksichtslos triumphierend jubelte und die Arme hochriss. Dennoch: an mehrere damalige Begebenheiten denke ich noch heute gerne - und das trotz dessen, was ich nun bedenkenlos ausführe.

Sie schrieben, dass Ihr "Verhältnis zu mir weder vorbelastet noch problematisch noch von irgendwelchen Spannungen geprägt" sei. Diese Haltung erstaunt mich um so mehr, da Sie doch oft in nächster Nähe waren, als ich in den ersten Jahren in den Räumlichkeiten dieser Anstalt viel öfter als andere gehänselt, verspottet und in Raufereien verwickelt wurde. Vor allem W., E. und S. trieben es sehr weit mit diesem Mobbing unter Jugendlichen, für das der Fachbegriff "bullying" lautet. Diese und spätere Schikanen haben mich in der Seele unerhört tief verletzt, weil ich nicht wußte, warum dies immer wieder geschah, weil ich mich verbal nicht effektiv wehren konnte und dagegen noch keine innere Barriere hatte. Ich hatte damals noch keine Ahnung davon, dass Sündenböcke eine Gruppe stabilisieren, wenn sie durch übergeordnete externe Stressoren unter Druck gerät. Ich konnte leider deshalb nicht angemessen zurückgeben, weil ich in dem Objekt, in dem ich damals heranwuchs, Vernachlässigung, massive Unterdrückung, Einschüchterung und Verunsicherung erfuhr; dazu gesellten sich all die schon in Frank Wedekinds Werk "Frühlings Erwachen" (1891) geschilderten Probleme Heranwachsender mit bürgerlicher Moral, Werten, Konventionen und Tradition in einer Gesellschaft, die von sich behauptete, den wilhelminischen und nazistischen Zeitgeist angeblich überwunden zu haben. Aufbau von Selbstwert und Selbstvertrauen - echtes, authentisches Menschsein - war mir an genanntem Ort zu allen Zeiten unmöglich; einige konkret erinnerte und hiermit verbürgte Schandzitate sind wie folgt:
"Mei is der Bua dumm!"; "4×6 is?"; "Der steht ja da wiara Fragezeichn"; "ja da siag i schwarz!"; glei fällt da Watschnbaum um!"; "der is ja gwohnt, alloa zsein"; "Bua, mach koan soichan Buckl und hoit di grad!"; "Bist hoid ea braktisch ois wia deoredisch begabt."; "mach sofort as Licht aus!"; "Macht nix wannst Mathe und Zeichna net gscheid kannst, I hobs a ned kenna."; "Ja grad no!"; "Jetz bist aba dran!"; Du schpinnst ja vom Boa weg!"; "Wannst so weidamax't, weast hoid blos Hoibkreisinschenör (Halbkreisingenieur: Straßenkehrer)!"; Sag, braugst a Bockfotzn, ha?", "Na ja, brauchbar." (sein Kommentar bei einer seiner Zwangsnachhilfemaßnahmen zu meinen verzweifelten Bemühungen, so gut wie mir möglich ins Englische zu übersetzen); "Geh wisch ma do an Oasch o" (von ihm bestens amüsiert erzählte Begebenheit, als Kameraden seiner damaligen Zufallsgemeinschaft ihren Instruktor verbal beleidigten); "Höa endli auf mit dem Experimendian!"; "_ _ _ _ _" (sein gesamter Kommunikationsbeitrag während meines einstündigen Rücktransports nach 14 Tagen Krankenhausaufenthalt); "A Indiana kennt koan Schmerz." "Schluss, Aus, Basta, keine Diskussion!"; "Kinda, mia miassn sparn!"; "Drei Blatt Klobabia miassn fei gnua sei!"; "Du Knallkörper!"; "Da ist mein Geschenk für Dich" (von ihr ein nagelneuer, aber leerer Geldbeutel zum Geburtstag. Dieser Vorgang ereignete sich zweimal); "Du funktioniast und spuast ja so guad, gell!"; "Händ aus de Hosndaschn!"; "I spring da glei mim nackadn Oasch ins Gsicht!"; "a Kind valian is wia wannst an Hundatmarkschein valiast"; "Der hatte ja auch rote Haare." (ihr Kommentar über eine mir gut bekannte Person, die am Leben verzweifelte und sich selbst richtete); "ja mei, hamms gsagt, wann oana ganga is, na machma hoid wida oan"; "Wannst ned wuist, kannst ja gehn"; "Viel Feind, viel Ehr"; "Du Kind Gottes"; "Du Narr in Christo!"; "Du mit Deinem heiligen Körper!"; "Du bist ja total verklemmt!"; "Da Klügare gibt nach!"; "Du bist doch viel zu emotional!"; "Du bist ja Wax in de Händ vo andare!"; "Keine Exberimente!"; "Wenn mia uns streitn, nacha blos zwengs de Kinda!"; "Ga-ga-ga-ga!" (er äfft eines seiner Kinder beim Stottern nach); "vo Bolidik verstehst Du nix"; "Scheiß Schule!"; "Du bist do nua deshoib so weit ghupft, weilst vorhea zwoa Schnitzl griagt hast" (ihr Kommentar zu meiner erfolgreichen Teilnahme am Gau-Kinder-Turnfest 1968); "Da spielt eine
Bäänd!" (eine seiner Lautsprecherdurchsagen); "Bass fei auf gell, beim Rückwäatsfahrn bassian de allameistn Unfäll." und "Halt halt halt mein schönes Benzin!" (er während seines Zwangsnachhilfeunterrichts zum Fahrschulunterricht); "Des Kilotrumm Hartwurscht kimmt fei a no nei gell!" (sie beim Packen des Koffers für 14 Tage Englischkurs in London); "Des war ja a Schnellsiedekurs in Punkto Lebnserfahrung" (ihr Kommentar anlässlich meines 30m-Absturzes - Sept. 1975 - in der Alpspitze Nordwand); "Ja mei, I moan, des Dings hamma vahunagglt oda vakuhwedelt."; "A Aufklärung woidst ham? Ja zwengs wos nacha ha? Unsa Hund hat des do a net braucht Du Depp!"; "Höa sofoat auf mit dera blödn Nega- und Bumsmusi!"; "Ja jetz weads aba Zeit!"; "Trag net so lange Haar, sonst kriagn d'Leut Angst voa Dia."; "Des woast fei gell, dass ab sechsazwanzge kräftemassig bergab geht"; "Der is ja übastanti"; "Etwas Braunes" (sein Kommentar zu meiner Jugendliebe); "Du hast ja Händ so groß wia Abortdeckl!"; "Und wissts des a, dass der eine Schweineherzklappe bekam?" (ihr Kommentar am Hochzeitstagstisch über einen verstorbenen Kollegen); "Mechadst ebba moralisian, ha?" ( er zornig brüllend anlässlich meines erregten Kommentars zu einem Bericht - im Lesebuch Deutsch 12. Klasse - über die Bajonettierung jüdischer Säuglinge durch die SS); "De vom Totnkopfverband, des warn'd bestn." "Auschwitz war doch nua da anus mundi." "Und dann samma nei nach Radom!"; (seine seltenen Kommentare über die NS-Zeit und seinen Polen-Einsatz bei der Wehrmacht); "Jetz stellts Eich des amoi voa: unsa Hund hat sei ganzes Lebn lang imma des Gleiche gfressn!"; "wea nix sagt, der kriagt nix"; "So was ghört doch im Seichhaferl datränkt!" (er über seine Enkelin); "Bist ja net da gwen, wiari verdeilt hob"; "Gibst Du es an?" (seine Frage, ob ich seinen in Aussicht gestellten Voraus beim Finanzamt melde; eine Frage, die ich sofort bejahte. Freilich bekam ich deshalb nichts mehr); "Gscheida Bua"; "Aba mia ham uns doch nur gfrozzlt." (ihr Kommentar zu 55 Jahren coram publico gelebte Streit- und Anschreiehe); "Was für Hennen?"; "Wos, a Publikation hast gschrim, ja wiavui Goid hasdn nacha dafüa griagt ha?".
Demütigende, menschen-, kultur-, gemeinschaftsverachtende und -zerstörende Giftsätze: Gossensprache ewig Gestriger; Niedertracht pur. Erst sind wir erschaffen und dann bis aufs Blut gequält worden; so war das damals.
Ich hatte kaum Möglichkeiten, Selbstwert, Selbstvertrauen, - sicherheit, eine gesunde Identität und verbale Schlagfertigkeit zu entwickeln.
Obendrein verletzte mich, dass in der Anstalt die Mobber für ihre über Jahre gegen mich gerichteten Angriffe fast nie von den Autoritäten gerecht bestraft wurden und dass letztere diesen Unfug nicht unterbunden haben. Mir blieb als Jugendlicher damals nichts anderes als die körperliche Selbstverteidigung.
Oft war es doch so, dass ich vor der Gruppe sehr unsicher auftrat, stotterte, ich nur selten laut und sicher sprechen konnte und bei geringsten Anlässen errötete. Die Exposition beim freien Sprechen vor Allen war mir unerträglich. Diese meine Schwächen waren allen der Gruppe bekannt.
Wie kann denn bei solcher Tatsachenlage Ihr Verhältnis zu mir so sein, wie ich Sie zwei Absätze oberhalb wörtlich zitierte? Es darf doch nicht wahr sein, dass Ihnen das alles egal war, was mir damals auch in Ihrem Beisein angetan wurde. Oder hatten Sie das alles nicht wahrgenommen? Das kann nicht sein: die für mich unerträglichen und beschämenden Raufereien und Pöbeleien, zu denen man mich immer wieder provozierte, konnte niemand aus der Gemeinschaft übersehen oder überhören. Spürten Sie wenigstens ein einziges mal Mitleid? Wie gerne hätte ich diese Hänseleien so bald wie möglich ein für allemal friedlich beendet.
Zu diesen sehr problematischen Erfahrungen kam der von nicht wenigen Autoritäten dieser Bildungseinrichtung damals exerzierte und exekutierte ultra-autoritäre Arbeitsstil; allen voran eine Fachkraft für Altsprachen: ein Folterknecht, der uns ein besonders hohes Arbeitspensum aufzwang, grundlos extrem streng und hart bewertete, uns mit einer Flut von Strafen quälte ("Kapitel 15 und 16 übersetzen!"; "Steh auf und stelle Dich nun ganz aufrecht und frei in den Gang und halte Dich nirgendwo fest, wenn Du ausgefragt wirst.") und uns mit zynisch-aggressiven Bemerkungen ("Jedem das Seine.") erniedrigte; dicht gefolgt von zwei Fachkräften für die Sprache der Naturwissenschaft, deren Wortwahl gelegentlich ins Trivial-Ordinäre abstürzte. Hierzu einige verbürgte Zitate:
- zornig-brüllend: "I reiß Enk an Oasch bis zum Gnack auf",
- unverschämt fordernd: "Nicht winseln sollt Ihr, sondern schneller arbeiten!"
- giftig-hasserfüllt-bellend: "Im Ostn hätt' ma mit Eich an kuazn Brozess gmacht: Zack, Rübe ab!",
- zynisch-belehrend: "Wess' Brot ich ess', dess' Lied ich sing!",
- gleichgültig-gelangweilt: "A Guada hoids aus, und um an Schlechtn is ned schod.".
Grobe und seelenverletzende Kasernenhof-Pöbeleien Halbstarker im ehemaligen Land der Dichter und Denker. Das ist nur mehr Demütigungskultur, in der keine positive Wissensvermittlung an Jugendliche und ihre Intellektualisierung stattfinden kann. Ähnliche den sozialen Frieden, das humboldtsche Bildungsideal, die Humanität und den Generationenvertrag pulverisierende zerstörerische, gewaltsam realisierte, todtraurige Machtverhältnisse haben - unabhängig voneinander - im Jahr 1905 Heinrich Mann in "Professor Unrat" ("Sie sollen nicht denken!" .... "Noch heute werde ich von Ihrer Tat dem Herrn Direktor Anzeige erstatten, und was in meiner Macht steht, soll - traun fürwahr - geschehen, damit die Anstalt wenigstens von dem schlimmsten Abschaum der menschlichen Gesellschaft befreit werde!") und Ludwig Thoma in den "Lausbubengeschichten" (Der Anstaltsdirektor: "Ruchloser Bube Du, wann wirst Du uns endlich von Deiner Anwesenheit befreien?") facettenreich und genial dargelegt. Ganz ähnlich die Schul-Kommentare von K. Tucholsky: "Schade um die verlorene Zeit." und R. Walser: "...und Lehrer werden? Ich würde lieber sterben." (Aus: Michael Skasa: Sonntagsbeilage vom 18.09.2011). Obwohl hier schon sehr früh von prominenten Schriftstellern die Bildungsmisere beiderseits des Weißwurstäquators perfekt analysiert und laut auf sie aufmerksam gemacht wurde, sind diese besonders wertvollen Informationen von den Entscheidungsträgern im Erziehungs- und Bildungssystem zum Schaden für den kulturellen und sozialen Status aller anscheinend bis heute nicht wirklich ernst genommen worden. So ein System führt zu keiner wahren Humanisierung und echten Intellektualisierung der Gesellschaft, sondern nur zu ihrer Talibanisierung. Jede Gesellschaft bekommt eben ganz genau die Entscheidungsträger und Multiplikatoren, die sie verdient. Wissensvermittlung und freudiges Lernen kann nur in einem positiv gestimmten Umfeld gelingen.
Am Entsetzlichsten empfand ich aber die immer wiederkehrenden und hochnotpeinlichen Erzählungen über den letzten Weg von Gottes Sohn, die - neben anderen - Kaplan Günter M., eine "Fachkraft" der Anstalt, mit unverkennbarem Genuß darbot: "... und dann erfolgte die zweite Geißelung am Kreuz; das war pikant!".
Mehr.
Dazu gab es leider auch noch einige andere dieser autoritären Sorte, die aufzuzählen aber nicht mehr lohnt.
Als friedlicher und empfindsamer Mensch haben mir auch diese großen seelischen Stressoren meiner intellektuellen und seelischen Entwicklung sehr geschadet und sie erheblich verzögert. Freilich musste sich keiner dieser Verbalsadisten jemals für seine Verbalinjurien in einem Disziplinarverfahren verantworten; freilich hat sich keiner dieser Verbal-Berserker jemals vor den Gekränkten, Beschämten und Verängstigten entschuldigt. Kann man das wirklich so stehen lassen? Geht man wirklich so mit jungen und hoffnungsvollen Menschen um? Wie sehr sehnte ich mich nach wahren und echten Autoritäten, denen ihre Bildungsarbeit Freude bereitete, die gerne mit jungen Menschen zusammen waren, vor denen man keine Angst zu haben brauchte und die man deshalb nie hassen lernte. So kam es, dass ich damals unter oben genannten verheerenden Einflüssen seelisch und kommunikativ regredierte.

Sie fragten nach dem
" ...Part, den ich in Deinem Leben gespielt habe". Hier ist er: ich bewunderte damals Ihr souveränes Auftreten, Ihre Selbstsicherheit und Ihr Selbstvertrauen. An diese Fähigkeiten, die Ihnen damals das Vertrauen vieler brachten, wäre ich gerne auch nur ein kleines bißchen herangekommen. Sie waren in dieser Hinsicht damals für mich ein unerreichbares Vorbild und ich fühlte mich Ihnen gegenüber als der viel Schwächere.

Sie waren damals für viele der Gruppe Vertrauensperson. Warum machten Sie damals Ihren Einfluß nicht wenigstens einmal ausnahmsweise auch zu meinen Gunsten geltend und ließen mich nicht im Mobbing-Regen stehen? Warum wiesen Sie die Mobber nie in ihre Schranken? Warum halfen - wie alle anderen - auch Sie mir nicht?

Als ein von seinen Anlagen her sehr geselliger Mensch bin ich damals von dieser Gemeinschaft und anderen Gruppierungen, in denen ich mich ohne dauerhaften Erfolg zu etablieren versuchte, wider Willen immer mehr in die Außenseiterposition gedrängt und nach dem Abgang fallen und alleine gelassen worden. Wesentlich dazu beigetragen hat zudem folgendes: Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts bin ich im selben Jahr in dieselbe Bildung-Institution geschickt worden, in der auch ein naher Verwandter von mir zu arbeiten begann. Ich bin in diese gesetzeswidrige, aber leider von allen Verantwortlichen geduldete Situation einfach hineingezwängt und nie gefragt worden, ob mir das recht war. Noch weniger habe ich zu verantworten, dass in den sich scheinbar endlos dehnenden Jahren bis zur Entlassung aus dieser Einrichtung dieser nahe Verwandte regelmäßig vor der Parallelgruppe Dienst tat und sie mit seiner ganz speziellen "Schwarzen Pädagogik" besonders delektierte. Durch die peinliche und mehr als hochgradig problematische Einflußnahme dieser Person wurde der für alle geltende Gleichheitsstatus einer unerträglich schweren Belastungsprobe ausgesetzt, an der die Gruppensolidarität zerbrach. Ich hörte mehrmals, wie man mir Vorteilnahme unterstellte. Auch deshalb begann man mich zu mobben und zum Sündenbock zu machen. Und im Laufe der Zeit wurden immer bessere und wirksamere Methoden erfunden und angewandt, um mich in der Gemeinschaft zum Sonderling zu machen und kalt und schleichend hinauszudrücken.
Ich fühlte mich als Fremdkörper in der Gruppe und fand - bis auf wenige Ausnahmen - aus der Rolle des immer öfter aus den Gemeinschaften Ausgegrenzten nicht mehr heraus. Es leuchtet ein, dass diese Gruppensituation meiner eigenen geselligen und freundlichen Natur damals sehr abträglich war: wachsende Befangenheit, Unsicherheit, Bedrücktheit und Entmutigung verstärkten meinen Regress.
Diese Entwicklung war mir gar nicht recht und ich hatte damals bereits große Angst, weil ich nicht verstand, warum man mich entweder durch Nichtinformation oder durch Abweisen immer wieder draußen vor der Türe ließ. Trotzdem lief ich vermeintlichen Freunden die Türen ein, ließ nicht locker, drängte mich - mich selbst durch dieses Verhalten beschämend - auf. Es nützte nichts und letztendlich stand ich immer wieder im Abseits. Beispiele:
- "Du lachst umsonst"; "Raus mit Dir, geschlossene Gesellschaft!", spottete und schimpfte man, als ich in einer Kneipe Gesellschaft suchte;
- "Ich habe Dich gestern gesehen - Du warst ganz alleine!" und "Man kann Dich so gut ausnutzen!", sagte man mir in einem Verein;
- "Das überlassen wir doch am besten dem Zufall, wann wir uns wiedersehen", beschied mir B.;
- W. ließ eine von mir rasch auf einem Stück Papier gefertigte geologische Skizze, für deren Datengrundlage ich Monate im Gelände geschwitzt habe, vor meinen Augen in den Papierkorb segeln.
- "Mia schmeißn Di scho naus!"
- "Ich werd jetzt auch Lehrer mit zwei e!"
Die Anzahl meiner Kränkungs-, Entwertungs-, Frustrations- und Mißachtungserfahrungen sind Legion. "Worte können schwerer verletzen als Taten" (Prof. J. Goodall). Wie gerne wäre ich damals mit dabeigewesen; mit echten Freunden zusammen gewesen! Das, wonach ich am meisten strebte - nämlich Geborgenheit in Gemeinschaften und dadurch bewiesene gesellschaftliche Akzeptanz -, blieben mir damals ohne erklärbaren Grund verwehrt. Immer deutlicher merkte ich, wie der Boden unter mir dünner wurde, aufzubrechen begann und einen eiskalten und tiefschwarzen Angstozean darunter freigab, in dem ein Ausgesetzter und Verstoßener zu ertrinken begann.

Es geschah an einem Sonntag im Ferienmonat August, als ich meinen Ängsten nicht mehr standhalten konnte und ich einen kompletten Nervenzusammenbruch erlitt: jeden Moment meinte ich, mein Herz müsse stehenbleiben oder der Schlag würde mich treffen oder ich müsse ersticken. Es war die Zeit, als ich dachte, meine Ziele nicht mehr erreichen zu können, weil ich auf dem Weg dorthin zusammenbreche und an Schwäche sterbe. Ich traute mich nicht mehr alleine über die Straße, ohne von meiner damaligen Lebensgefährtin gehalten zu werden, denn ich hatte Angst, beim nächsten Schritt vor Schwäche tot zusammenzubrechen. Und immer wieder drängten die Gespenster-Gedanken vom Lebensende herein: es wäre doch eine Erlösung, nicht mehr zu zögern und mir doch nun endlich selbst den Gnadentod zu gönnen.
Ich litt unter schweren Albträumen. Beispiel: Alleine gehe ich über einen schönen grünen Bergsattel hinüber zu den Steinernen Almhütten. Alles ist ruhig und friedlich und die Sonne scheint. Aber ich gehe seltsam langsam und etwas beschwerlich. Trotzdem komme ich gut voran und nähere mich den Hütten. Dort wird aber der sanfte Wiesengrund felsig und von den massiven Mauersteinen der Hütten fegt ein eiskalter Wind heran. Niemand ist dort; alles ist leer; verlassen. Dann sehe ich, dass die Hütten innen drinnen mit blankem Eis erfüllt sind. Das Gehen fällt mir immer schwerer und als ich an mir hinab blicke, sehe ich, dass meine Füße fehlen und ich auf den Beinstümpfen stehe. Weiter oben an mir bemerke ich, dass das Hemd zerfetzt und mein Oberkörper weit aufgerissen ist. Trotzdem gehe ich wortlos und zäh meinen Weg weiter, an den Hütten vorbei, immer hinauf.
Ich müßte einen neuen Begriff finden, der dieses verheerende Gefühlsgemisch aus grenzenloser Verlassenheit, Hoffnungs- und Hilflosigkeit, Schwäche, Frustration, Trauer, Verzweiflung und allgegenwärtiger Panik am besten trifft. Stellen Sie sich die Bilder Edvard Munchs Der Schrei oder Caspar David Friedrichs Das Eismeer oder die verunglückte Hoffnung vor, oder lesen Sie Georg Heyms Jonathan, oder denken Sie an die letzten Sekunden der in den Fenstern des ehemaligen New Yorker WTC auf Rettung Wartenden vor, als in der steigenden Gluthitze der Boden nachgab und sie brennend zu stürzen begannen: so wird für Sie vielleicht besser verständlich, was dieser Begriff ausdrücken soll. Wissen Sie einen? Sicher nicht!

Diese Grenzerfahrung, dieses "im Angesicht des psychischen und sozialen Todes seiens" war bei weitem der tiefste Einschnitt, den ich bisher erlebt habe. Gleichzeitig war dieses Ereignis aber auch Gelegenheit zur Neuorientierung: eine Chance zum Neustart, die ich bestmöglichst zu nutzen wusste. Wie schön und beruhigend ist es, großteils aus eigener Kraft einen neuen, viel freundlicheren und freieren Lebensabschnitt begonnen zu haben. Ich genieße nun meine Eigenständigkeit und Selbstwirksamkeit. Wie gut das tut, mit letzter Sicherheit zu wissen, dass es einer erdrückenden, verstockten und gleichgültigen Mehrheit und Übermacht nicht gelang, mich in den Orkus zu drängen.

Sie mutmaßten zynisch, dass ich
"wohl gerade dabei sei, mein bisheriges Leben aufzuarbeiten". Diese Erinnerungs-, Spiegelungs-, Übersichts- und Selbstoperationsarbeit, eine Qual für solche, deren natürliches Daseinsrecht von kotzengroben und voreingenommenen Mitmenschen (Kameraden- und Kollegenschweinen) ohne Unterlass in Abrede gestellt worden ist, habe ich erbracht, so gut ich nur konnte. Aber wirklich fertig ist man damit wohl nie; das weiß jeder, der sich
- wenigstens ein bißchen traut, über seinen Plastik- oder Goldtellerrand hinauszuschauen und
- sich unerbittlich ehrlich in Selbstkritik und Selbstreflektion übt.
Sind Sie diese Arbeit schon angegangen? In Ihren Zeilen kann ich davon nichts erkennen. So wie ich Sie einschätze, meinen Sie wegen Ihrer Überheblichkeit wohl, dass Sie so etwas gar nicht nötig haben.

Wir alle machen Fehler, weil wir nur Menschen sind. Aber ich bin der Meinung, dass ich damals bestimmt nicht das entscheidende Quantum Mehr an Fehlern gemacht habe, das meine Ausgrenzung aus dieser Zufallsgemeinschaft tatsächlich gerechtfertigt hätte. Und da mir noch nie jemand konkrete und wohlbegründete Fakten nannte, die meine Position widerlegt hätten, schließe ich, dass meine Fehler nicht besonders schwer wogen. Ich denke sogar, dass einige, die in der Gemeinschaft integriert bleiben durften, mehr Fehler als ich begingen. Sicher ist, dass mir damals unverhältnismäßig mehr und vollkommen unbegründet schwerstes seelisches Leid zugefügt worden, indem man mir endlose Male den Weg ins Nichts, zum Ausgang und in letzter Bedeutung zum Exitus wies. Besonders enttäuschend war für mich, dass das von einer schweigenden Mehrheit gebilligt worden ist und dass sie vom Mobbing nicht eines Tages endlich genug hatte. Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass auch nur eine Person dieser Gemeinschaft mir freiwillig ein einziges mal aus meiner Bedrängnis geholfen hätte. Kann schon sein, dass einige mich sogar schätzten und mir helfen wollten, aber wegen des Gruppenzwangs nicht die Courage dazu hatten; leider nutzt der gute Wille alleine nichts. Eine gnadenlose Gemeinschaft an ihrem absoluten moralischen Nullpunkt, den sie all die vielen Jahre bis zum Abgang und auch die darauffolgenden Jahrzehnte mit grandioser Sturheit hegte und pflegte. Spätestens hier wird deutlich, wie anstrengend und unangenehm für Täter und Mitläufer das "miteinander Reden" mit dem Bedrängten werden kann, wenn sie Gründe nennen sollen, warum sie Schwächere/Empfindlichere quälten bzw. untätig blieben. Unter diesem Aspekt kann die sokratische Einsicht auch verstanden werden, warum "es leichter ist, unter denen zu sein, die Unrecht erleiden, als unter denen, die Unrecht tun".

Die moralische Qualität von Gemeinschaften steht und fällt damit, wie sie gruppensolidarisch gesonnene Schwächere und Empfindlichere integriert und in welchem Ausmaß sie ihnen beisteht.
Jede Gemeinschaft schadet sich selbst am meisten, wenn sie in archaischer Manier innere Spannungen und die Wirkungen externer Stressoren durch Mobbing an Vertretern von Minderheiten zu lösen versucht, indem sie diese erst psychisch und physisch quält und dann sozial mordet. Es ist zum Überdruss bekannt, wie brandgefährlich es werden kann, wenn Gemeinschaften absichtlich Desperados züchten.

Mit dem dummen Inhalt Ihrer Zeilen haben Sie in mir ein letztes mal das Wüten und den Zorn der ganzen Welt heraufbeschworen: es verletzt unsäglich, als seelisch schwer Versehrter in gleicher Sache wiederholt gekränkt worden zu sein, indem Sie - Ihr geheucheltes Nichtwissen bemühend - indirekt behaupteten, von meinem Leid nichts bemerkt zu haben sowie voreilig mit dem Allgemeinplatz sich verdünnisieren wollten, "dass für Dich nun alles was mich betrifft geklärt ist". Das erinnert an nichts anderes als an die obligatorische Wirklichkeitsverweigerungstaktik, die nach erfolgreicher Auflösung totalitärer Unrechtssysteme die Täter- und Mitläuferschaft epidemisch befällt. Ihr Schreiben ist oberflächlich, meidet die meisten Hauptpunkte unseres Konfliktes, läßt Offenheit vermissen und erscheint mir nicht nur stellenweise hilflos. Das hat mich sehr enttäuscht. Wenn das schon alles war, was Sie mir mitzuteilen hatten, dann tun Sie mir sehr leid.

Der in Ihrem kurzen Schreiben an mich per Unterschrift bekundete absolute Totalwille zum Leugnen, Lügen, Bagatellisieren und Euphemisieren ist erschütternd deutsch. Die anderen Botschaften auf und zwischen den Zeilen Ihres Schreibens kommentiere ich hier besser nicht; der Volksmund kennt dafür eine große Zahl sehr treffender und deftiger Begriffe. Ihr Text zeigt auch, dass Sie in all diesen Jahrzehnten keinen einzigen Millimeter vorangekommen sind, Sie Sitzenbleiber/in! Sie haben damals versagt, indem Sie schon als junger Mensch Ihre Macht mißbrauchten: erst unterließen Sie es, mir zu helfen; dann mobbten Sie mich. Und dazu können Sie nicht stehen, da Sie aus so einem Holz nicht geschnitzt sind. Sie haben mir genau das Gegenteil der Wahrheit geschrieben und sich selbst damit am meisten geschadet. Im Innersten aber fühlen Sie sich mir gegenüber ganz zurecht schuldig und meiden deshalb den Kontakt, weil Sie die Peinlichkeit Ihrer überfälligen Erklärung fürchten. Ihr schlechtes Gewissen, Ihre Hilflosigkeit und Angst mir gegenüber ist Ihr eigenes Problem, das alleine Sie selbst mit Bedacht geschaffen haben.

Und sollten Sie an dieser Stelle immer noch fragen, was dieser aufgewärmte alte Kram denn soll, dann versuchen Sie, folgende Grundaussage zu verstehen:
"WAS DER MENSCH SEI, SAGT IHM NUR SEINE GESCHICHTE. UMSONST WERFEN ANDERE DIE GANZE VERGANGENHEIT HINTER SICH, UM GLEICHSAM NEU ANZUFANGEN. ABER SIE VERMÖGEN NICHT ABZUSCHÜTTELN, WAS GEWESEN; UND DIE GÖTTER DER VERGANGENHEIT WERDEN ZU GESPENSTERN. DIE MELODIE DES LEBENS IST BEDINGT DURCH DIE BEGLEITENDEN STIMMEN DER VERGANGENHEIT" (Wilhelm Dilthey 1833-1911).
Nun nochmal zur Verdeutlichung: Sie lesen hier keine ollen Kamellen! Kein Mensch entkommt seiner Geschichtlichkeit; und das gilt erst recht für Sie.

Was blieb mir nun Substanziell-Tiefgreifend-Schönes in dieser verzweifelten und prekären Lebensphase, das für mich sinnstiftend und emotionalen Halt gebend war in all der entgrenzten Verlassenheit inmitten so vieler junger und strahlender Menschen? Es waren vor allem einige der herausragenden Kulturschöpfungen, die uns vermittelt wurden:
- Beethovens 5. Sinfonie, Bachs Matthäuspassion, Ravels Bolero, Mussorgskis Bilder einer Ausstellung, Orffs Carmina Burana, Smetanas Moldau, Schuberts Gretchen am Spinnrade, Liszts Totentanz;
- die Schönheit und Eleganz der naturwissenschaftlichen Gesetze;
- Dürers Melancholia;
- Celans Todesfuge;
- der geniale Leitsatz von Sokrates: "Sprich, damit ich Dich sehe";
- Konastantinos Kavafis "Ithaka";
um nur einige zu nennen.
In diesen Welten spürte ich gedankliche Tiefe, Intensität und Dynamik, Ringen um die Wahrheit, Harmonie, moralische Größe und Integrität, Transparenz, intensives Leuchten, kristallene Klarheit, Humanität, Sehnsucht, Ästhetik, Sensibilität, Vollkommenheit, Kontemplation, Erkenntnis, Dramatik, innerer Glanz sowie endlich die wahre und große Liebe. Es gab mir sehr viel, von diesen Zuständen und Eigenschaften zu wissen. Auf diese wunderbaren und erstaunlichen Schöpfungen des Geistes war absoluter Verlass, denn sie waren immer da und gaben mir seelischen Halt. Und all das Ästhetische und Interessante, das wir vermittelt bekamen und das ich selbst allmählich immer deutlicher in den Formen und Vorgängen der Natur zu erkennen begann, überwog bei weitem die paar netten, aber oberflächlichen Begebenheiten, welche die Gruppe daselbst nach der Entlassung durch ihr Verhalten mir gegenüber als Heucheleien entlarvte. Im absoluten und hoffnungslosen Nichts gestrandet machte mich eine alles verzehrende Sehnsucht nach Schönheit, Wahrheit, Humanität, Wärme und Liebe vorübergehend stumm.
Hatte denn niemand aus der Gruppe auch nur eine Sekunde lang den Verdacht, dass das Verhalten mir gegenüber grundfalsch und zutiefst ungerecht war? Alle wussten doch, dass ich wegen meiner guten Ideen, Begeisterungsfähigkeit und Ernsthaftigkeit ein interessanter Gesprächspartner war. Freilich war ich damals überaus schüchtern, still-zurückhaltend, gehemmt und verunsichert. Aber wenn man mehr auf mich zugegangen wäre, mich wirklich und ehrlich integriert und mich ernst genommen hätte, hätte ich sicher bald Vertrauen gefasst und mich erklärt.

Zernichtender Fakt ist, dass nach dem Abgang keine einzige Person der Gruppe mich aus persönlichem Interesse kontaktierte; und das, obwohl wir alle aus einer damals eher dörflichen Gemeinde und ihrer nächsten Umgebung stammten. Das ist nichts anderes als eine unfassliche Grobheit, für die sich selbstredend keine einzige Person der Gemeinschaft bei mir jemals entschuldigt hat.
Wie kann nun erklärt werden, dass nach so vielen gemeinsam in der hoffnungsfrohen Jugendzeit verbrachten Jahren einem keiner mehr etwas zu sagen hat? Das hat, neben den genannten Gründen, auch damit zu tun, dass aller Gemeinschaftssinn - der auch in langjährigen Studien in dieser Anstalt intensiv theoretisiert und vertieft wurde - nach der Entlassung manipulationsbedingt sofort abgelegt wurde, weil im mainstream rücksichtsloses Konkurrenz- und Karrieredenken sowie optimierte Angepasstheit und Unterwürfigkeit ganz groß angesagt waren: d. h. picometergenau musste darauf hingearbeitet werden, gesellschaftlich eingerichteten und traditionell vorgegebenen Zwangsrollen zu genügen und überall und immer die erste, schnellste, intelligenteste und die beste Bestie zu sein und die reichste Bestie mit den heissesten Drähten zu den einflussreichsten Interessenverbänden zu werden. Diese die sozialen und humanitären Grundlagen zerstörenden Systemzwänge hat schon der Schriftsteller Oskar Maria Graf im Jahr 1927 in seinem Werk "Wir sind Gefangene" prinzipiell dargelegt.

Wir hätten besser daran getan, in aller Ruhe Erfahrungen auszutauschen, uns in konstruktiven Dialogen gegenseitig zu stützen und selbst zu lernen, zueinander humanitär, fair, respektvoll und ehrlich zu werden und dies auch dauerhaft zu bleiben. Wir hätten uns ein kleines Glück der Geborgenheit schaffen können inmitten all der Schiffsbrüche und den wachsenden Unsicherheiten; wir hätten zusammen in einem Freundeskreis uns verstehen lernen und miteinander in Frieden alt werden können. Das wäre wirklich ergreifend schön geworden; etwas Besseres, glaube ich, hätten wir kaum schaffen können. Denn man genießt doch nur ein einziges mal - und das nur für sehr kurze Zeit - das Glück des Bewusstseins, das neben Selbstreflexion intensiven und komplexen gedanklichen Austausch mit anderen ermöglicht. Denn vor und nach dem Leben war und wird sein nichts als ewige und allumfassende, unfassbar schwarze Stille in einem zeit- und raumlosen, unendlichen Nichts. Warum hat die Gruppe denn schon zu Lebzeiten - anscheinend im Dauerstatus nicht verbesserbarer kollektiver Unbewußtheit - diesen grauenvollen Zustand des Verlassen- und Geächtetseins heraufbeschworen und mir damit Angst und Schrecken eingejagt, indem sie mich mit größter Sorgfalt jahrzehntelang perfekt ignorierte und totschwieg? Warum ging sie mit mir so um, als wäre ich schon zu Lebzeiten tot? Warum denn noch mehr absichtliche Endlichkeit draufsetzen auf die naturgegebene Endlichkeit aller? Als ob es nicht schon genug wäre mit letzterer.
Die Kardinalfrage geht aber an die Gruppe selbst: wie konnte es geschehen, dass sie sich selbst einen so großen Schaden freiwillig antat, indem sie auf mich völlig verzichtete? Etwa aus Dummheit? Ist es nicht unendlich traurig, was sie deshalb alles unwiderbringlich versäumte, welche Möglichkeiten sie sich nahm und wie schwer sie sich selbst verletzte? Waren wir nun im Sinne eines "Füreinander da sein" in der Gruppe oder um eines "Gegeneinander" Willen?

Für die schrillen Dissonanzen, die meine nahen Verwandten durch ihre Diensttätigkeiten in den Parallelgruppen in den Anstalten erzeugten, bin ich nicht verantwortlich. Aber es war ein kapitaler Fehler, dass sich die betroffenen Gruppen an einem Wehrlosen rächten und mich als Sündenbock abstraften. Das ist Gruppensadismus und ähnelt Sippenhaft. Alle gegen einen, der nachweislich nicht schuldig war; das war sehr unfair und besonders primitiv. Schämt Euch allesamt für alle Zeiten in Grund und Boden! Gedenket Eurer triumphalen moralischen Schlichtheit. Streut Asche auf Eure ergrauten und gelichteten Häupter! Hier setzte man doch nur ein Unrecht auf das nächste, anstatt all den widerlichen und ekelhaften Störenfrieden das in exakt derselben Qualität und Quantität zeitnahe zurückzugeben, was von denen ausging. Die externen Stressoren der Gruppe blieben unbestraft und die Gruppe selbst reagierte ihren Druck an einem ihrer Schwächsten ab. So kann ich also der Gruppe ganz zu recht zurufen: "Ihr wusstet ganz genau, was Ihr tatet!" und "Warum habt auch Ihr mich verlassen?" Ihr hattet wirklich keinen vernünftigen Grund, mich zerstören zu wollen.

Ich habe damals als Heranwachsender ganz gewiss nicht darum gebeten, in eine Anstaltsgruppe gesetzt zu werden, die sich moralisch als besonders schwach erwies: die nichts Törichteres wusste, als sich über viele Jahre größte Mühe zu geben, mich - im übertragenen Sinne - zuerst zu geißeln und ans Kreuz zu nageln, um anschließend mit Triumpfgeschrei den Kadaver in die cloaca maxima schmeißen zu können. Ich bin stolz darauf, dass sie an meinem Lebenswillen, meinem Optimismus und meiner Zähigkeit scheiterte.

Es ist klar, dass nach Jahrzehnten das Warten auf ein persönliches Kontaktsignal sinnlos geworden ist und ich diese Situation hiermit radikal akzeptiere, entsprechend dem treffenden Satz "Don't spend time on problems You cannot solve" (Prof. Sierd Cloetingh, Vrije Universiteit Amsterdam, NL). Die Folge ist, dass ich im Gegenzug das Recht für mich beanspruche, in diesem ganz speziellen Fall meinen Gemeinschaftssinn in letzter Konsequenz aufzugeben und auf keine Person der Gruppe mehr zu warten; mein Entschluß ist unwiderruflich. Allesamt haben sich so verhalten, dass sie mir nun wirklich egal geworden sind. Es tut mir mehr als nur gut, dass ich nun einen Schlußstrich unter das Hadern mit dieser schrecklicher Zeit gesetzt habe. Wie schön, wenn man so einen Klotz endlich vom Bein hat und sich mit sich selbst versöhnen konnte (Süddeutsche Zeitung Nr. 23: 3 vom 29./30.01.2011).


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Ich schreibe hier auch für alle, denen es ähnlich geht oder ergangen ist und damit diese von allen Verlassenen und vor dem Abgrund Stehenden wieder Lebensmut fassen. Sie sehen dann, dass selbst schwerste Traumatisierungen, verursacht durch roheste seelische Gewalt, heil- und überwindbar sind und in hohe, positive und konstruktive Lebensenergien transformiert werden können, sobald Form, Struktur und Entstehungsgeschichte des Schreckens erkannt worden sind.

Ich freue mich auf all die vielen ruhigen Jahre, die noch kommen werden und auf all das, was ich in dieser Zeit zusammen mit meiner Frau schaffen werde, wovon viele andere Gemeinschaften mit menschlicherem Antlitz Freude und Nutzen haben werden. Ich freue mich um so mehr, weil ich einen Großteil meiner ursprünglichen Geselligkeit, Energie und Lebensfreude wieder gefunden habe.

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  Text online seit 23.08.2008. Ergänzung am 20.09.2011.   Dr. Hubert Engelbrecht